Droemer 2018
Droemer 2018

Michael Connelly – Ehrensache

 

Bosch mit aller gestählten Erfahrung

 

Dass es beruflich und in der Liebe nicht unbedingt bestens läuft? Löst bei einem Harry Bosch vor allem eines aus: Kampfeswillen.

 

Suspendiert, finanziell gezwungen (das College für die Tochter will bezahlt werden) sich pensionieren zu lassen, um seine Altersbezüge fließen lassen zu können, ist und bleibt der Mann auch nach 30 Jahren mit Herz und Seele Ermittler, der „die bösen Junges“ dringend von der Straße holen will.

 

Mit eigenwilligen, seit Jahren bekannten, grenzwertigen Methoden und innerlich immer ganz gefesselt von dem, was ihm gerade als Fall unterkommt. Was die ihm nahestehenden Frauen immer schwierig fanden, diese Prioritätenliste, auf denen keine von Ihnen je ganz oben gelandet wäre.

 

Doch un sieht es anders aus. Denn sein Halbbruder, der Anwalt Haller, bittet ihn um Ermittlungen „für einen Mandanten“. Anklage Mord, DNA Spuren am Tatort, Alibi nicht unbedingt belastbar.

 

Aber die „Jane Fonda“ geben? Einer werden, der auf der „falschen Seite“ ermittelt, unter Kollegen als Verräter und Paria dann behandelt? Nicht mit Harry Bosch. Wobei, die Unruhe nagt, aus Freundschaft zum Halbbruder kann er ja mal einen Blick in die Akten werfen.

 

Wobei der Leser nach diesen ersten Seiten einiges mehr ahnt als Harry Bosch. Denn jene stringente Szene im Prolog, in der ein Motorradfahrer nicht angenehme Erfahrungen auf sich zukommen sieht, eine Szene, die den Leser bestens abholt und ohne Anlaufzeit mitten in den Thriller hineinzieht, wird Verbindungen zeigen zu dem, was da an Mordanklage im Raum steht.

 

Gradlinig wie immer, mit Action Elementen an den richtigen Orten, aber wohldosiert und nicht im Vordergrund stehen, gelingt es Conelly, einerseits altbewährtes an seinem „Harry Bosch“ vertraut in Szene zu setzten und doch noch eine neue, andere Note hineinzubringen, jetzt, wo der Mann nicht mehr mit seiner Marke wedeln kann, sondern bei seinen alten Kollegen höchstens noch mehr Misstrauen erntet, als es ihm schon zu aktiven Zeiten entgegen schlug.

 

Und, auch das wie gewohnt, das Hauptaugenmerk auch in diesem Bosch-Thriller lliegt in den akribischen Ermittlungen Harry´s. Dem auffällt, was Eenigen auffällt, der gründlich ist, der Randbemerkungen in Akten zu deuten weiß und bewusst versteckte Informationen in dem vielfachen Material zum Mord aufspürt. Und so langsam dem Geschehen und seinen Hintergründen näher und näherkommt.

 

Was bestimmten Kräften im Hintergrund gar nicht gefällt, die nicht lange fackeln, und Bosch und seinen Halbbruder durchaus direkt angehen werden. Was Gefahr mitschwingen lässt. Und was auch klärt, dass es Bosch nicht darum geht, einem Anwalt zu helfen um dessen Mandanten zu entlasten (das wäre eben „Jane Fonda“). Nein, was den Ermittler nicht ruhen lässt, ist, dass unter Umständen ein Täter unbehelligt bleibt, wieder töten könnte.

 

Ein Schuldiger auf freiem Fuß? Nicht, wenn Harry Bosch das verhindern kann.

 

 

Temporeich, durchweg spannend, voller Fallen und hier und da überraschenden Wendungen, stringent erzählt und mit Personen, die differenziert „Fleisch auf den Knochen haben“ und nicht wie Helden über allem schweben, auch „Ehrensache“ ist, wieder einmal, ein hervorragender Thriller.

 

M.Lehmann-Pape 2018