Goldmann 2014
Goldmann 2014

Michael Robotham – Erlöse mich

 

Bedrängend und überraschend

 

Marnie Logan will nicht. Aber sie ahnt, dass sie nicht daran vorbeikommen wird.

 

Nicht nur, dass Daniel, ihr geliebter Mann, Vater ihres zerbrechlich wirkenden Sohnes und Stiefvater ihrer pubertierenden Tochter einfach so verschwunden ist. Seit 13 Monaten bereits.

 

Nicht nur, dass sie ihn nicht für tot erklären kann, keinen Zugang zu seinem Konto hat, kein eigenes Geld verdient und die Lebensversicherung sich wohl noch jahrelang Zeit lassen wird, bis die Frage geklärt wird, ob da Geld zu erwarten ist.

 

Nein, Daniel hat zudem noch gespielt. Zuviel, als gut gewesen wäre. 30.000 Pfund stehen auf der Minusseite und Hennessy, der Mann, dem Daniel das Geld schuldet, ist nicht für seine Geduld bekannt. 55 Pfund die Stunde. In Hotelzimmern. Darauf muss Marnie sich einlassen. Und sie tut es. Zunächst.

 

Doch das sind alles nicht ihre wirklichen Probleme. Ihr wahres Problem kennt Marnie noch gar nicht. Jene Person, die scheinbar fast „in ihrer Haut“ geschlüpft ist. Die alles über Marnie weiß.

 

„Ich habe mich verliebt und ich bin ihr gefolgt. Mehr müssen sie nicht wissen……. Ich bin der, der aufpasst“.

 

So eröffnet Michal Robotham seinen neuen  Thriller um den Parkinson erkrankten Psychotherapeuten Joe O´Loughlin. Dessen Patientin Marnie ist. Der eigentlich mit sich, seiner Krankheit und der Trennung von seiner Frau mehr als genug zu tun hat. Und der sich doch mit seinem Freund Viktor Ruiz privat engagieren wird für diese Frau, die mit dem Rücken zur Wand steht.

 

Doch wer ist der Schuldige an all den Ereignissen um Marnie herum? Warum haben alle ihre alten Bekannten eine Heidenangst davor, dass Marnie wieder „auf sei aufmerksam“ werden könnte? Und wer tötet jene Menschen, die alle in der ein oder anderen Form in der Gegenwart mit Marnie zu tun haben, die ihr zu nahe rücken, die nicht höflich genug mit ihr umgehen?

 

Und nicht nur, dass O´Loouglin zunächst im Dunkeln tappt und außer einem merkwürdigen Gefühl, dass da hinter der Fassade der jungen Frau dunkle Welten warten könnten, er muss auch erkennen, dass Marnie ihm in mancher Weise nicht die Wahrheit gesagt hat.

 

Auch für den Leser werden die Ereignisse damit fragwürdiger, die mögliche Lösung verwirrender. Gibt es überhaupt diese Person, die sich hier und da im Buch aus ihrer Perspektive zu Wort meldet, die wie ein Schatten an Marnie klebt? Oder liegt die Lösung all der Ereignisse allein in der Frau selbst? Hat sie gar ihren Mann ermordet?

 

Wer aber ist dann der “beste Freund“ ihres kleinen Sohnes Elijah, mit dem dieser immer im Schrank spricht?

 

Ruhig und gradlinig erzählt Robotham, souverän führt er den Leser in die Schichten seiner Personen ein. Einfache Stereotype stehen dabei selten im Raum (bis auf den ein oder anderen „Bösen“). Vor allem natürlich in der Person von Marnie liegen vielfache Facetten vor, die den Leser (ebenso wie O´Loughlin) über eine lange Strecke hin- und her schwanken lassen in der Person der Frau. Ein Schwanken, dass durchaus im zweiten Teil des Buches deutlich an Tempo zulegt, als deutlich wird, dass jener ominöse „Beschützer“ sich ebenso gut im Privatleben des Therapeuten und seines Freundes Ruiz auskennt. Und da bereits im Buch erwiesen ist, dass dem „Beschützer“ Menschenleben nicht viel wert sind, wenn es an „seine“ Marnie geht.

 

 

Ein intelligenter Thriller, der lange Zeit mehrere Varianten in der Frage des oder der „Schuldigen“ offen hält, Spuren legt, Spuren wieder verwischt und ein beständiges Gefühl der Bedrohung für all Beteiligten in den Raum setzt. Bis zum fulminanten Ende, an dem deutlich wird, wer eigentlich wer ist und in welchem Verhältnis zueinander Opfer und Täter wirklich stehen. Und um welche Erlösung es eigentlich geht.

 

M.Lehmann-Pape 2014