Goldmann 2011
Goldmann 2011

Michael Robotham – Todeswunsch

 

Missbrauch und Rassismus

 

„Das Problem mit Geheimnissen und Lügen ist, dass man sie erst voneinander unterscheiden kann, wenn mal sie ausgräbt und daran schnuppert“ ist eine der Erkenntnisse, die Joe O´Loughlin im Verlauf der verflochtenen und zu Beginn unklaren Ereignisse in seinem Heimatort findet. In seiner, bereits aus dem ersten Roman um diesen Protagonisten, bekannten Hartnäckigkeit und seinem intensiven Blick auf das menschliche Verhalten, vollzieht der Professor der Psychologie genau dieses. Er gräbt aus.

 

Der Vater der besten Freundin seiner Tochter wird ermordet. Sienna, die bete Freundin, taucht traumatisiert vor der Haustür der, von ihm getrennt lebenden, Familie O´Loughlins auf. Blut, dass aus der durchschnittenen Kehle ihres Vaters stammt. Im Dunklen liegen zunächst alle Hinweise, die zur Entlastung des Mädchens führen könnten. War der Vater einer, der sich an seinen Töchtern verging? Welche Rolle spielt der überaus charmant wirkende, letztlich aber undurchschaubare Lehrer Gordon Ellis, der nicht immer Ellis hieß und eine dunkle Vergangenheit verbirgt? Jener Lehrer, bei dem auch O´Loughlins Tochter Charlie babysittet?

 

Fragen über Fragen, denen Joe O´Loughlin nachgeht und das zu einer Zeit, die nicht ungünstiger sein könnte. Die Trennung von seiner Familie macht ihm schwer zu schaffen, die Parkinson Krankheit hat ihn fester und fester im Griff. Seine Frau dolmetscht aktuell bei einem der wichtigsten Prozesse gegen Rechtsradikale und Sienna weigert sich zunächst, offen mit ihm zu reden. Gut, dass Vincent Ruiz, der Bär von einem Mann, Ex-Polizist mit kaum mehr Illusionen über die Menschen bereit ist, seinem Freund Joe hilfreich zur Seite zu stehen. Einer, bei dem man „kriegt, was man sieht“. Ein Mann von nur wenigen Widersprüchen.

 

Bereits nach etwa zwei Dritteln des Buches wird offenkundig, wer mit wem hinter all den dunklen Lügen und Geheimnissen sich finden wird. Robotham baut sine Geschichte nicht auf einen absoluten Überraschungseffekt im Finale hin auf, sondern legt, getreu seiner Hauptfigur, das eigentliche Augenmerk auf die menschlichen Hintergründe und Abgründe der Tat. Lügen und Geheimnisse, fundiert recherchierte und mitnehmend im Buch umgesetzte psychologische Erkenntnisse sind es, die der Geschichte ihren ganz eigenen Reiz geben.

 

Intelligent legt Robotham dabei seine Geschichte an, verknüpft die zunächst nebeneinander stehenden Themen des Privatlebens O´Loughlins mit dem Familiendrama um Sienna herum und dem medienwirksamen Prozess, der zeitgleich in London stattfindet. Kindsmissbrauch bis in höchste Ämter hinein, Erpressung, sich auflösende Lieben, der Hunger nach einer neuen Beziehung, das sensible Verhältnis zwischen Lehrern und Schülerinnen und die immer stärker drohende Gefahr für den ermittelnden Professor selbst. Vielfache Themen, die Robotham miteinander in Beziehung setzt und durch hervorragend konstituierte Protagonisten bis in die Nebenfiguren hinein jederzeit im  Buch tragen lässt.

 

Gepaart mit einem nie aufdringlichen oder aufgesetzt wirkenden Blick für die Psychologie der Menschen ergibt sich ein hochwertiges Leseerlebnis, dass Lust auf noch möglichst viele Nachfolgeromane um den Parkinson kranken Joe O´loughlin und seinen Freund Vincent Ruiz macht. Die einzige Kritik ist der etwas unpassende deutsche Titel, „Todeswünsche“ finden sich im Buch höchstens in ganz indirekter Form, ansonsten aber nur zu empfehlen.

 

M.Lehmann-Pape 2011