Ullstein 2016
Ullstein 2016

Michael Theurillat – Wetterschmöker

 

Überzeugende Charaktere, intelligent konzipierter Fall, bestes Lokalkolorit

 

Von ihm wird gesagt, er sein eine „Wetterschmöker“. Einer, der das Wetter mittelfristig vorhersagen kann. Doch letztendlich scheint seine größte Begabung die eines „Menschenschmökers“ zu sein.

Der alte Mann mit dem wallenden Bart, der in Yoga Haltung eines Tages im Büro des eh schon leicht gestressten Kommissar Eschenbach sitzt.

 

Der, neben der „Verwaltungsflut“, die ihn leicht überrollt, eine Leiche aus dem Fluss schon „vor sich liegen“ hat, und sich nun mit einem indianischen Bestattungsritual auseinandersetzen muss, bei dem ebenfalls die Leiche einer Frau auf diese besondere Art und Weise „bestattet“ wurde.

 

Weder Eschenbach noch der Leser können zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass in einer besonderen Weise alles mit allem zusammenhängt, die Wurzel für die Ereignisse weit in die Vergangenheit zurückreichen, die Auswirkungen all dessen, in aller Diskretion, auf höchsten Ebenen zu spüren sein werden (die sich ebenfalls versuchen, in den Fall einzuschalten).

 

Dass, nebenbei, Eschenbach gerade seine Tochter bei sich wohnen hat, deren „schöner Bastian“ für viele Tränen sorgt und er zudem eine der am Fall beteiligten Personen mehr als ein wenig anziehend findet, das wirkt sich im Lauf der Ereignisse ebenso nachhaltig auf die Ermittlungen (und die Gefahr, in die Eschenbach gerät), wie das tägliche Beziehungsgeschehen im Büro. Mit Rosa, seiner Sekretärin, mit seinem feurigen Freund und Kollegen, mit seiner kongenial geschilderten und souverän auftretenden, neuen Chefin.

 

Wie nun Eschenbach zäh am Geschehen dranbleibt, mit offenem Visier auch unorthodoxe Wege geht und, wie nebenbei, dem zurückgeblieben und weltfremd wirkenden Praktikanten eher unbewusst eine tragende Rolle bei der Lösung des Falles (eigentlich der Fälle) zukommen lassen wird, das schildert Theurillat sprachlich differenziert, wunderbar zu lesen und mit einem bestechenden Blick für sein „Personal“.

 

Ein präziser Blick, den Theurillat ebenso hervorragend in seine Beschreibung der Charaktere und inneren Motive alle Beteiligten einfließen lässt (abgesehen von dem eher alten „Trick“, neu auftretende Personen allzu oft mit Hinweisen auf Schauspieler oder andere Prominente in ihrem äußeren Erscheinungsbild näher zu bringen. „Er sah aus wie David Niven in „Der rosarote Panther““). Dies ist aber auch die einzig auftretende Irritation, das ginge besser und anders, als mit solch veralteten literarischen Hilfsmitteln.

 

Wie aber Theurillat die besondere Schweizer Lebensart, das Lebensgefühl in kleinen Bergdörfern (mit ihren „Patriarchen“) und die Landschaft selbst mit zum Akteur im Buch gestaltete, wie er im Rückgriff auf die Vergangenheit die Hintergründe des Falles für die Gegenwart spannend aufbereitet, wie er den Leser mit in bedrückend enge Höhlenlabyrinthe nimmt und vom „Schlund“ zu erzählen versteht, das hat genauso Klasse, wie man ihm die fast „Weltverschwörung“  in dieser speziellen Form wie im Buch ohne Weiteres abnimmt.

 

Dass in „Jerome Roth“ eine ebenso hervorragend getroffene und in genau der richtigen Weise geheimnisvoll geschilderte Person für den „anderen“ Erzählstrang des Buches, die Hintergründe des Falles, steht, passt ebenfalls wie die Faust aufs Auge und gibt dem Tempo und der inneren Verzahnung der Ereignisse noch den letzten Schliff.

 

„Er sagte nur ungern, was man erwartete. Als jemand, der zu Anfang seines Lebens zunächst einmal lange geschwiegen hatte, sah er darin eine Verschwendung von Ressourcen“.

 

Und ja, man kann weit damit kommen, Zuhören geduldig erlernt zu haben und nicht zu meinen, jene wären „am Drücker“, die am meisten Worte benutzen. Denn es geht nur eins. Hören und Verstehen oder Sprechen und dabei das Wesentliche überhören.

 

Und dennoch, auch auf diesen diskreten, hohen Ebenen gilt: „Es gab Opfer. Auch wenn die Schlachten meist diskret mit der feinen Klinge des Intellekts ausgetragen wurden“. Wie sich zeigen wird, nicht wenige Opfer. Und, wie sich ebenfalls zeigen wird, steht Eschenbach da durchaus auf Augenhöhe mit seinen, oft etwas verdeckten, „feinen Klingen“.

 

Ein überaus lebendig erzählt, hervorragen zu lesendes, in den Personen treffendes und zudem unterhaltsames und spannendes Buch.

 

 

M. Lehmann-Pape 2016