BTB 2014
BTB 2014

Mikael Niemi – Die Flutwelle

 

Archaische Katastrophe

 

Für die Beteiligten, jene, die im Bannkreis dieser brechenden Dämme, des überschäumendes Flusses, dieser gewaltigen Wassermassen sich befinden, geht im wahrsten Sinne des Wortes die Welt unter.

 

Für andere, im Buch Niemi nur einen kleinen Nebensatz wert, schwankt eben in der großen Stadt mal für 2 Sekunden der Strom.

 

In rasanten Perspektivwechselns, immer nur kurz und knapp, dafür aber nahhaltig eindrucksvoll bei den einzelnen Personen je verbleibend, bietet Niemi einen Katastrophenablauf in bester Hollywoodmanier. Eine Katastrophe, die alles hat, was Spannung ausmacht.

 

Einer, der mit seinem geliebten Saab mit allem, was er hat, der Flutwelle entfliehen will, die sich im Rückspiegel auftürmt. Eine Geschichte, die sich für den Leser durch das gesamte Buch durchziehen wird, zu der Niemi immer wieder zurückkehrt. Was noch lange nicht für alle Personen und Gruppen gilt, denen er sich zuwendet. Selbst nach einer kleinen Weile bereits vertraut wirkende Gestalten, Sympathieträger, wird Niemi nicht schonen, wenn Beine durch Äste gebrochen, Leichen als Auftrieb für ein Boot benutzt oder Fingernägel sich verzweifelt in nasses Erdreich schlagen werden.

 

Ebenso, wie Niemi durchaus massiv realistisch den Tod, das Ertrinken, abgetrennte Körperteile vor Augen führt (ohne dabei blutrünstig zu wirken, sondern eher wie ein kühler Berichterstatter dessen, was nun einmal geschieht), bringt er den Leser zum mit Fiebern beim Ansaugen von Luft durch ein dünnes Staubsaugerrohr, zum Mitleiden mit der  Mutter, dich sich selbst auf einem Kinderfahrrad bis zur Erschöpfung versucht, zu ihrer Tochter durchzuschlagen. Nah dran an jener Frau, die langsam, bedacht in einem ganz natürlich wirkenden Vorgang ihren Atem in den anderen einfließen lässt.

 

„Ihr war ein bisschen Übel, aber es gab niemanden, der sie hätte ablösen können. Sein Leben lag in ihren Händen“. Und fast ein wenig Genuss für diese Frau ist dabei zu spüren.

 

Menschen zeigen ihr wahres Ich, das schon zuvor zu erahnen ist, dann aber beim ein oder anderen ungehemmt durchbricht. Wie bei jenem, der noch eine Schleuder bauen wird, um die Frau auf der Insel in den Wassermassen als Zeugin auszuschalten. Oder auch nur aus reiner Lust, wer weiß das schon? Wobei er eine Kleinigkeit übersieht (zur tiefen Befriedigung des Lesers im Nachhinein).

 

Aber auch Annäherungen finden statt, die in einer sehr ungewöhnlichen, zart-harten, sanften wie abstoßenden Szene körperlicher Liebe enden werden.

 

Alles in allem eine rasante, temporeiche Lektüre, die kein Blatt vor den Mund nimmt, die gerade durch die kühle Distanz des erzählenden Stils den Leser ein um das andere Mal emotional mit hineinnimmt, immer in der Ungewissheit bei jeder der Personen und Ereignisketten, wie diese Enden werden. Mit überraschenden Wendungen in alle Richtungen und einer hochgradig plastischen Form der Darstellung in einer tief düsteren Atmosphäre

 

M.Lehmann-Pape 2014