Goldmann 2016
Goldmann 2016

Minette Walters – Der Keller

 

Nah an Stephen King

 

Wie Stephen Kind in seinem Alterswerk, in dem er immer weniger das Grauen „von der anderen Seite“ kommen lässt, sondern mehr und mehr in den Mittelpunkt rückt, was immer schon sein eigentliches Thema war, das Grauen, das „Wegdriften“ des Menschen in sich selbst, setzt auch Minette Walters in dieser Novelle (sehr, sehr nah auch im Erzählduktus an der Form Kings) das Zerbrechen und Wiedererstarken der Person.

 

Die Gefühle am „tiefsten Abgrund“ (im Keller fast auf dem nackten Boden als Sklavin gehalten) und die „Machtübernahme“, Schritt für Schritt. Eine Machtübernahme der unterernährten, gerade mal 14jährigen Muna, die im Haushalt der der Familie Songoli, aus Afrika nach England eingewandert, in der jener Keller (und noch ein anderer Raum), ein Hammer und, vor allem, ein sehr waches Gehirn in einem sehr unscheinbaren Körper und einem eher ungebildeten Geist sich seinen Weg sucht.

 

Vater Ebeka (mit besonderen Interessen und Nutzungsanliegen an Muna), Mutter „Prinzessin“ Yolanda und die beiden Söhne der Familie leben seit Jahren in einem ganz besonderen Verhältnis zu Muna. Und Ahnen in keiner Form, dass in der Wand des Kellers eine Stimme, ein Gelächter seinen Wohnort zu haben scheint, der Muna das ein oder andere an innerer Wallung und innerer Kraft zukommen lassen wird.

 

Zumindest glaubt Muna, dass daher ihr die Kraft zuwächst.

 

Denn die Dinge ändern sich. Der jüngere Sohn kommt von der Schule nicht nach Hause, die Polizei nimmt Ermittlungen auf und durchsucht das Haus, stellt die Eltern zur Rede. Die, flugs, aus „Muna aus dem Keller“ Muna, die Tochter gemacht haben. Wobei man sich allgemein sicher fühlt, denn das hagere Mädchen kann ja noch nicht mal Englisch, glaubt man.

 

„Muna lauschte der sich entfernenden Sirene. Waren alle Sengolis fort? War sie seit Abiolas Verschwinden zum ersten Mal allein im Haus“? Ja, oder? Aber wie wird Muna damit umgehen? Ohne Buchstaben oder Zahlen zu erkennen, ohne die moderne Welt mit ihren Smartphones und bürokratischen Abläufen je erlebt zu haben?

 

Und was genau ist jene Kraft, die sie innerlich antreibt? Jene Vorstellungen und Fantasien, die sie in langen Jahren des Schmerzes und der Einsamkeit im dunklen Kellerloch in sich entfaltet hat?

 

Ruhig und jederzeit intensiv an den Emotionen der Personen schreibt Walters diese Geschichte mit einer fast unabwendbaren Entwicklung. Und schreibt und beschreibt so genau und bildkräftig, dass der Leser dieses gesamte Kammerspiel, das fast nur im Haus der Sengolis sich abspielt, ebenso emotional miterlebt. Auch hier zeigt sich eine enge Verwandtschaft zum Stil Stephen Kings, Walters führt den Leser ebenso immer wieder aktiv hinein in die Geschehnisse, in die Ereignisse, aus der Sicht Munas, bis man das Gefühl hat, selber oben an der Kellertreppe zu stehen und das leise Raunen aus der Wand heraus meint, hören zu können.

 

 

Eine ganz hervorragende, Spannende, auf das Innere bestens abzielende und dieses Innere offenlegende Lektüre, die den Leser wie mit einem Sog in sich hineinzieht.

 

M. Lehmann-Pape 2016