C.Bertelsmann 2012
C.Bertelsmann 2012

Nicci French - Blauer Montag

 

Auftakt für Karlsson und Klein

 

Nicci French ist seit langem bekannt für ihren Stil, der weniger von der temporeichen Spannung lebt, sondern ein großes Augenmerk auf die Protagonisten, deren Hintergrund und deren innere Entwicklung legt.

 

„Blauer Montag“ bildet nun den Auftakt für eine neue Serie. Einerseits um die Psychotherapeutin Frieda Klein und andererseits um den Detectiv Inspektor Malcom Karlsson herum. Durch den Prolog setzt French hierbei das eine Hauptthema ihres neuen Thrillers in den Raum. Die Entführung eines kleinen Mädchens vor 20 Jahren bleibt unaufgeklärt. Nun wird wieder ein Kind entführt, ein kleiner Junge diesmal. Spurlos bleibt in der Gegenwart des Thrillers auch der kleine Junge zunächst verschwunden.

 

Während die Polizei unter der Leitung Karlssons fieberhaft ermittelt, übernimmt Frieda Klein von ihrem alten Mentor Reuben einen Klienten. Reuben, der sich in eine Sackgasse manövriert hat und einfach nicht mehr ganz bei der Sache ist.

Ein Klient, Alan, der merkwürdige Träume und Fantasien hat. Träume um einen kleinen, rothaarigen Jungen, dem entführten Kind wie aus dem Gesicht geschnitten. Ist Alan gar der Entführer, bewusst oder unbewusst?

Frieda Klein ringt mit sich und wendet sich dann an die Polizei, doch auf große Begeisterung stößt sie bei Karlsson zunächst nicht. Was sich ändern wird.

Denn das zweite Hauptthema des Thrillers wird im Lauf der Seiten deutlich. Ein Thema, was hier nicht verraten werden kann, da es fast die gesamte Lösung des Falles in sich trägt. Wohl aber kann gesagt werden, dass Nicci French dieses Hauptthema gut recherchiert und sachlich interessant einführt, ebenso, wie die psychotherapeutische Arbeit im Buch gut getroffen ist. Wie sie, wie gewohnt, ebenso gut und intensiv es versteht, ihre Figuren gründlich und ausführlich in ihren Persönlichkeiten in den Raum zu stellen.

 

Andererseits muss man konstatieren, dass Nicci French diesen gründlichen Blick manchmal einfach auch übertreibt. So zieht sich der Thriller in einigen Teilen auch langatmig im zu ausführlichen Blick auf Leben und Umfeld der Protagonisten dahin. Erst nach etwa 150 (gefühlten 200) Seiten bekommt die gesamte Geschichte ein wenig mehr Dynamik und Dramatik. Was auf der einen Seite des Guten manchmal ein wenig zuviel ist in den oft (zu) ausführlichen Dialogen, in denen die Hintergründe und Befindlichkeiten der Figuren ausgeführt werden, kommt an anderer Stelle leider zu kurz. Was genau mit den Kindern, vor allem  dem aktuell entführten Jungen, geschieht (dessen Geschichte in Einschüben immer wieder von French miterzählt wird), wie genau diese behandelt werden (oder wurden), um ein gewünschtes (pervertiertes) Ergebnis, das wird höchstens angedeutet und lässt ein Stück unbefriedigt zurück. Wirkliche Spannung, die den Leser packt und mit hinein nimmt in die Dynamik der Ereignisse findet aus diesen Gründen nur selten ihren Weg, trotz des durchaus mit einer Überraschung versehenen Endes. Genauso wenig, wie das dargestellte innere Erleben als zuwenig zu erachten ist, um das Buch als „Psychothriller“ zu kennzeichnen.

 

Im Gesamten verbleibt dennoch ein sprachlich und stilistisch durchaus guter Eindruck vom Buch, in dem vielfältige und differenzierte Personen (die Lust auf Fortsetzungen machen) die in sich logisch aufgebaute Geschichte zu tragen verstehen. Mit Luft nach oben, was den Spannungsgrad und hier und da Straffungen angeht, die dem Buch gut zu Gesicht gestanden hätten.

 

M.Lehmann-Pape 2012