dtv 2012
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Ole Kristiansen – Der Wind bringt den Tod

 

Angststörung und Gefahr

 

„Am Mittwochmorgen leistete Eva Jule beim Frühstück Gesellschaft. Jule war momentan der einzige Gast der Pension. Insgeheim hoffe Jule, dass sie das ein oder andere erführ, was ihr für die Arbeit von Nutzen sein konnte. Leider erzählte Eva nichts dergleichen“.

 

Was nicht die Ausnahme ist in diesem kleinen Dorf Odisworth im Norden Deutschlands, das man von den Einwohnern eben nichts Wesentliches  erfährt. Durchaus auffällig ist dieses beredte Schweigen. Da muss man ja misstrauisch werden, was in gleichem Maße Jule und den Leser betrifft.

 

Jule Schwarz ist eigentlich nur vor Ort, um dem Fortschritt zu dienen, sprich, die Errichtung eines Windparks den Dörflern schmackhaft zu machen und diesen Bau zu ermöglichen. Denn ohne den Erwerb der nötigen Grundstücke gibt es eben keinen Windpark.

Jule, die sich einerseits über das Vertrauen der Firmenleitung freut und hier beweisen könnte, dass sie auch zu Höherem berufen ist. Jule, die aber auch an einer tief sitzenden Angststörung leidet, was das Autofahren angeht aufgrund eines dramatischen Unfalles Jahre zuvor. So muss sie immer wieder sich zum einen überwinden, das Auto zu benutzen und zum anderen gegen die abwehrende Haltung der Dörfler ein Mittel finden, beides ist nicht einfach für die Frau.

 

Beides tritt aber in den Hintergrund, als sie unversehens in einen Mord verwickelt wird. Eine zerstückelte Frauenleiche wird gefunden und Sorge macht sich breit, denn das Opfer war und ist nicht die einzige Frau, die seit einiger Zeit verschwunden ist. Im Übrigen stellt Jule relativ bald fest, dass auch sie von ihrer äußeren Erscheinung her dem „Beuteschema“ des Mörders ziemlich entspricht.

 

Ebenso bald schwant ihr, dass der Mörder (oder die Mörderin) nicht von auswärts stammen wird, sondern irgendeiner der Dorfbewohner wohl der Täter sein wird. Aber wer? Und, vor allem, wie kann sie nun unbefangen die Dörfler einzeln besuchen, um von geplanten Windpark zu überzeugen, wo sie doch ahnt, dass sie damit auch dem Mörder ins Haus laufen wird und dessen Vorlieben sehr entsprechen würde?

 

Kristiansen nimmt sich Zeit, die Gefahr im Buch langsam aufkommen zu lassen, Spuren zu legen, Spuren zu verwischen, in Sackgassen zu führen und dabei die Schlinge spürbar immer enger um den Hals seiner sympathischen Protagonisten zuzuziehen. Durch seine durchaus detaillierten Beschreibungen des kleinen rotes und seiner Einwohner zieht er den Leser Seite für Seite mehr und mehr hinein an diesen Ort „am Ende der Welt“, der wie abgeschnitten von der Außenwelt als eigenes, kleines Biotop vorliegt.

 

Die dörfliche Atmosphäre trifft Kristiansen dabei genauso passend, wie er es versteht, lebhaft und bildreich die eher indirekte Bedrohung im Raum breit werden zu lassen. Natürlich ist am Ende die Aufklärung des Falles klar, aber im Fortgang der Geschichte selbst sorgen immer wieder überraschende Wendungen für Verwirrung und es ist in guter Form nicht einfach, die wirklichen Hinweise auf den Mörder auch wahrzunehmen.

 

Ein gelungenes, atmosphärisch dichtes Erstlingswerk, das zwar die ein oder andere Länge aufweist, dennoch aber im Gesamten flüssig und gut zu lesen ist.

 

M.Lehmann-Pape 2012