Blessing 2014
Blessing 2014

Olen Steinhauer – Die Kairo-Affäre

 

Spannend, aber mit zu langem Finale

 

Auch wenn die „Touristen“ zerschlagen sind und  Milo Weaver eher nicht in „den Ring“ zurückkehrt, dem Genre des Agententhrillers bleibt Olen Steinhauer in guter Weise verbunden und wendet sich in seinem neuen Thriller Ereignissen in Ägypten und Libyen zu.

 

In der Zeit, als der „ägyptische Frühling“ stattgefunden hatte, Mubarek die Macht verloren hatte und in Libyen erste, stärkere Unruhen fühlbar wurden.

 

Wie bei Steinhauer gewohnt legt er dabei höchsten Wert auf eine stimmige Atmosphäre, auf ein Mit-Hineinnehmen des Lesers in die Atmosphäre, das Leben, den pulsierenden Alltag in der Region. Ebenso, wie er sich sehr ausführlich  und intensiv mit seinen Personen beschäftigt, sehr plastisch deren Persönlichkeit differenziert vorlegt und mit immer wieder überraschenden Wendungen auch neue Facetten durchgehend vor Augen führt.

 

Sophie, unvermittelt Witwe des amerikanischen Botschafters in Budapest

Stan, CIA Agent in Kairo und unrettbar verliebt in Sophie.

John, der „Kontraktor“, groß, schwarz, schweigsam mit einer tiefen Liebe zur Lyrik.

Omar, gealterter Mann des ägyptischen Geheimdienstes (der spät eine tragende Rolle übernehmen wird)

 

Und neben diesen führt Steinhauer in großer Breite weitere Beteiligte ein, die zwischen Profitgier, moralischer Motivation, Verrat, Liebe, Beschattung, Mord und aufgeheizter Revolutionsatmosphäre ein dichtes Geflecht bilden werden.

 

Ein Geflecht, das nicht jeder der Protagonisten auf Anhieb kennt oder durchschaut, das Gefahren birgt, das Ereignisse in Gang setzt, die nicht für alle gut ausgehen werden. Ohne zu viel zu verraten, Steinhauer lässt auch Hauptfiguren manches Mal nicht unangetastet.

 

Was hat es mit „Stumpler“ auf sich?

Einem Plan des amerikanischen Geheimdienstes zur Libyen Frage, der dich im Schredder gelandet sein sollte. Denkt der CIA Analyst Jbril Aziz.

Und gerät in helle Aufregung, als er Informationen erhält, dass dieser Plan, welcher die Region und die Rolle Amerikas dort schwer erschüttern würde, scheinbar umgesetzt wird.

 

Aziz macht sich auf, die Hintergründe zu klären und löst damit eine Kettenreaktion von Gefahren aus, die viele andere mit betreffen werden.

 

Teils zeitversetzt wechselt Steinhauer zwischen den Perspektiven der Protagonisten, lässt sich hierbei aber jeweils genügend Zeit und Raum, den Leser die konkrete Person, Sicht und Situation breit erfassen zu lassen. Um dann im je nächsten Schritt Ereignisse leicht nach hiten zeitversetzt aus der jeweiligen Perspektive einer anderen Person das Geschehen zu schildern. Mit dann erweiterten Hintergrundinformationen für den Leser.

 

Dicht und spannend werden die Ereignisse so durch diese literarische Technik geschildert, wenn auch zum Ende hin eher doch zu viel und zu geballt an Rückblick in die weiter entfernte Vergangenheit gerade Sophies hineinfließt, das Finale sich doch lange zieht und auch im Blick auf andere, handelnde Personen die Ereignisse deutlich hätten gestrafft werden können.

 

Dennoch, es warten überraschende Wendungen, der „Schuldige“ ist lange nicht als solcher erkennbar und die eigentlichen Motive schwingen lange nur vage greifbar im Thriller mit.

 

Alles in allem ein atmosphärisch dichter Thriller, der den Leser mitten hinein  nimmt in das pulsierende Kairo im Klima der „Befreiung“ mitsamt der weiteren Kreise, welche die Bewegung auf dem Tahir Platz in den Nachbarländern auslöst. Mit einigen Längen, aber, wie gewohnt, überzeugenden und hervorragend dargestellten Protagonisten

 

 

An dessen Ende der Leser Sophie, die über die längste Zeit ihres erwachsenen Lebens nicht in Amerika lebte, gut verstehen kann, bei Ihrer Rückkehr das Gefühl zu haben, „in eine Welt blasser, zu groß geratener Kinder“ geraten zu sein Rundliche, sportiv gekleidete, weißhaarige Männer mit ihren Smartphones, die kein Ahnung haben von dem, was an Gefahren im „echten Leben“ drohen könnten.

 

M.Lehmann-Pape 2014