Heyne 2011
Heyne 2011

Olen Steinhauer – Last Exit

 

Die ganz andere Form des „Tourismus“

 

„Der Tourist“ hat Ole Steinhauer weltweit bekannt gemacht. Als einen Autor, der nicht dem großen Knall und der überbordenden Action sich verpflichtet sieht, sondern dem intelligenten, mit vielfachen Täuschungen und Gegentäuschungen versehen Erzählen, dass in Ruhe und doch knisternder, innerer Spannung seinen Lauf nimmt.

 

Ganz im Stile Le Carres und Forsythes legt Steinhauer auch in seiner Neigung, die hintergründe von Personen, Diensten und technischen Abläufen zu erörtern, damit einen „klassischen“ Agententhriller vor, der aus verschiedenen Erzählperspektiven heraus den Leser lange Zeit im Unklaren lässt, wie all die einzelnen Ereignisse im Buch wirklich zusammenhängen. Erst ab der Mitte des Buches ungefähr bringt die Arbeit des BND langsam ein wenig Licht in das Dunkle.

 

In diesem Stil ist „Last Exit“ eine Bestätigung der Schreibkunst Steinhauers, die auf hohem, sprachlichen Niveau eine intelligent und in sich stimmige Geschichte konstruiert, bei welcher der Leser, ähnlich wie die Hauptfigur des Romans, bis fast ganz zum Schluss mit im Dunklen der geheimdienstlichen Verstrickungen tappt.

 

Die „Touristen“ kommen selbstredend in tragender Rolle wieder vor, auch Milo Weaver ist wieder mit von der Partie, obwohl er sich eigentlich aus dem aktiven Dienst verabschiedet hatte. In „Last Exit“ sind jene Touristen eine Sondereinheit der CIA für ganz besondere Aufgaben. Eine Einheit, der auch Milo Weaver angehört. Zumindest solange, bis er, der eigentlich sich nach dem Ausstieg und dem bürgerlichem Leben sehnt, einer, der nicht ganz so unabhängig ist wie die anderen „Touristen“, weil er Vater einer Tochter ist, bis jener Milo Weaver den Auftrag erhält, ein 15jähriges Mädchen zu töten.

 

Hier ist Schluss für ihn. Er rettet das Mädchen, bringt es in ein sicheres Versteck (wie er glaubt) und geht der Frage mit all seinen Fähigkeiten nach, warum dieses Mädchen sterben soll. Doch alle seine Ermittlungen verlaufen zunächst im Sande und, schlimmer noch, letztendlich kann er Adriana, das Mädchen, nicht beschützen, Ein anderer erledigt den Auftrag und tötet das Mädchen. Doch die Hintermänner in den Geheimdiensten haben nicht mit Milo gerechnet, der nun seine profunde Ausbildung und seine außerordentlichen Fähigkeiten für die Aufklärung des Mordes einsetzt. Und in immer größere Gefahr gerät, je mehr er den wahren Motiven des Geschehens nahe kommt. Und auch die Seinen entsprechend hohen Gefahren aussetzt.

 

Anders als reine Helden a la James Bond legt Ole Steinhauer die Figur des Milo Weaver deutlich realistischer und verwundbarer an. Dies zusammen mit der intelligenten, fintenreichen Geschichte und der hohen sprachlichen Qualität auch dieses Buches von Steinhauer, zieht den Leser durchaus in den Bann. Grauzonen durchziehen dabei die Geschichte, Vertrauen wird enttäuscht werden und kaum etwas und kaum jemand ist so, wie es auf den ersten Blick scheint.

 

Ein starker Nachfolger von „Der Tourist“ und zu Recht wird Steinhauer in einem Atemzug mit John le Carre und anderen seit langem erfolgreichen Thrillerautoren genannt, die sich dem Genre des „klassischen“ Agententhrillers verschrieben haben.

 

M.Lehmann-Pape 2011

Olen Steinhauer

 

ist in Virginia aufgewachsen, hat mehrere Jahre in Kroatien, Tschechien und Italien verbracht und lebt heute mit seiner Familie in Budapest.

 

(Quelle: Heyne Verlag)