Droemer 2012
Droemer 2012

Paddy Richardson – Komm, spiel mit mir

 

Entführung

 

Es braucht eine ganze Weile, bis Paddy Richardson in ihrem neuen Thriller wirklich Fahrt aufnimmt und tatsächlich  Spannung aufkommen lässt, es „gefährlich“ wird. Den langen Vorlauf hin zur Aufklärung des Falles mit allen Gefährdungen, die dies für ihre Protagonistin Stephanie mit sich bringen wird, füllt Richardson mit einem (eher breiten denn tiefen) Blick  in die inneren Vorgänge, die das Drama um ein verschwundenes Kind mit sich bringt.

 

Ein Drama allerdings, das bereits auf eine „geschwächte“ Familie trifft, soviel wird schon zu Beginn der Geschichte deutlich. Wobei vor allem die Mutter von Stephanie und Gemma und deren beiden Brüdern daran ihren Anteil trägt.

 

Bei einem Picknick am See des kleinen und überschaubaren Wohnortes, wo fast jeder jeden kennt, verschwindet die vierjährige Gemma spurlos von jetzt auf gleich. Weder ihre Leiche noch sie selbst tauchen in den nächsten Jahren wieder auf. Ein Geschehen, an dem die Familie zerbricht und die einzelnen Personen wahrlich in Schuldgefühlen fast versinken. Stephanie, weil sie zum Zeitpunkt des Verschwindens eher mit Flirt-Gedanken beschäftigt war. Die beiden Brüder, weil sie mit ihren Interessen, ihrem Spiel ausgelastet waren. Minna, die Mutter, weil auch sei ihre Gedanken aber so gar nicht bei ihren Kindern in diesem Augenblick hatte und Dave, der Vater, weil er, mal wieder, zu spät kam beim Familienausflug.

 

Stephanie, die ältere Schwester, ist jene Person, die Richardson die Geschichte hauptsächlich tragen lässt. Stephanie, die das Verschwinden der kleinen Schwester nie wirklich verwunden hat, die nie daran glaubte, dass Gemma tot sein soll. Ein Studium der Psychologe macht aus der jungen Frau in späteren Jahren dann jene Therapeutin, die im Rahmen ihrer Arbeit auf eine andere junge Frau, Beth, trifft. Als es Stephanie gelingt, deren Vertrauen zu erwerben fällt sie aus allen Wolken, denn Beth hat in ihrem Leben fast genau das erlebt, was Stephanie selbst erleben musste. Das spurlose Verschwinden eines Geschwisterteils.

 

Stück für Stück setzt Stephanie das Puzzle nun hartnäckig zusammen und muss feststellen, dass es einen Täter gibt und dieser Täter im Umfeld der damaligen Bekannten der Familie zu finden sein wird. Eine Erkenntnis, die Stephanie in große Gefahr bringen wird, die sie aber auch wieder mit ihrer Mutter zusammenführen wird, auf eine für sie unvorhersehbare Weise.

 

Zeigt sich der langsame Beginn der Geschichte und die psychologischen Betrachtungen auf die Beteiligten in Teilen doch als langatmig, hier und da zu oberflächlich, stereotyp und auch sprachlich eher  simpel gestaltet, nimmt das Buch etwa ab der Mitte deutlich an Fahrt auf und führt in eine deutlich gesteigerte Geschwindigkeit und Spannung hinein, zu welcher der einfache und klare Stil Richardsons dann ganz hervorragend passt. Eine Spannung und ein überzeugend gestaltetes Finale, dass durchaus mit der sprachlich zu oberflächlich gestalteten psychologischen Ebene des ersten Teils der Geschichte versöhnt.

 

Alles in allem bildet das Buch einen soliden Thriller mit, gerade im zweiten Teil des Buches, spannenden und überraschenden Momenten, der allerdings seiner Bewerbung als „psychologischer Spannungsroman“ gerade zu Beginn und in den psychologischen Schilderungen nicht ganz gerecht wird.

 

M.Lehmann-Pape 2012