Ullstein 2013
Ullstein 2013

Paolo Roversi – Milano Criminale

 

Als das Verbrechen „professionell“ wurde in Milano

 

Es ist zunächst der Abgesang der „Ligera“ Mailands, die zu Beginn des Romans in den Raum gestellt wird. Jener romantisch verbrämten Gruppe eher Kleinkrimineller. Anfang der 50er Jahre tauchen organisierte Banden auf, schwer bewaffnet, die nicht die „kleine Kasse“ am Kiosk mitgehen lassen, sondern Geldtransporter, Banken und Juweliere überfallen.

 

Deren Geschichte erzählt Roversi in Romanform, lose zusammengehalten durch die Entwicklung zweier Männer, die als Kinder den ersten dieser „Großüberfälle“ mit angesehen haben und daraufhin eine Lebensentscheidung je treffen, die beide zu Feinden machen wird.

 

Antonio entbrennt in Verehrung zum legendären Commissario Nicolosi. Der nicht nur dieses Verbrechen umgehend aufklären wird und auch den Boss der Bande trotz eines bestechenden Alibis und einer Flucht nach Südamerika fassen wird.  Polizist, das will Angelo werden und wird es auch später. Als direkter Untergebener des Commisario.

 

Auch Roberto beobachtet den Überfall. Für den damals achtjährigen ist es klar, dass er einmal ein smarter, nicht zu fassender, „intellektueller“ Verbrecher werden wird. Begonnen hat er schon mit diesen Tigern, im Käfig. Und auch er wird seinen Weg machen.

 

Zwei Wege, die sich lose, am Ende des Buches dann direkt begegnen werden. Im Laufe von Jahren der Ausbildung, Eheschließung, Lieben, Verrat, Erfolge und Misserfolge auf beiden Seiten. Wobei letztlich im Buch gilt: „früher oder später kriegen wir Euch alle“. Vor allem, wenn Nicolosi in Spur geht, der sein gesamtes privates Leben auf dem Altar der Polizeiarbeit geopfert hat und alleine schon für die Legitimierung seines persönlichen Lebens den Erfolg sucht und braucht.

 

Im Gesamten täuscht der Klappentext des Buches etwas. Roberto und Antonio sind eher eine lose Klammer, deren Geschichte immer wieder vertiefend aufgegriffen wird. Wobei diese Vertiefungen gerade auch der privaten Entwicklungen auch jene Momente im Buch sind, in denen Roversi erkennbar von seinem ansonsten eher halbdokumentarischem Stil abweicht und dort eher in Romanform verfällt als im Gros des Buches, das in weiten Teilen an eine sachliche, leicht distanzierte Reportage erinnert. In deren Mittelpunkt viele Geschichten stehen, von einzelnen Großkriminellen, von Banden, die fast schon eine romantische Verehrung „im Volk“ erfuhren. Deren Aufstieg, Arbeitsweise, Hintergründe, Fehler, die Fahndung nach denselben und das zur Strecke bringen macht gut zwei Drittel des Buches aus, bevor im Schlussteil dann Antonio und Robertino einander immer näher kommen werden.

 

Durchaus informativ, die Atmosphäre Mailands und Oberitaliens der späten 50er und 60er bis Anfang der 70er Jahre genau treffend, mit vielen Details was Autos, Überfälle, Fahndung, aber auch den Aufbruch jener Jahre, die Musik, die Revolten angeht, lässt sich das Buch sehr gut lesen. Spannung allerdings will nicht auftauchen, wozu nicht nur der eher distanzierte Erzählstil Roversis beiträgt, sondern auch die mangelnde emotionale Bindung des Lesers an einzelne Figuren im Buch. Zwar rückt Roversi seine Hauptpersonen durchaus hier und da auch „privat“ nahe, dies geschieht aber zu selten, als das der Leser emotional wirklich Partei ergreifen würde und sich um den ein oder andern „sorgen“ würde.

 

Unterhaltsam, sorgfältig recherchiert und informativ aber allemal.

 

M.Lehmann-Pape 2013