Hoffmann und Campe 2015
Hoffmann und Campe 2015

Patricia Cornwall – Ihr eigen Fleisch und Blut

 

In Teilen zu breit und abschweifend angelegt

 

Nun werden also die Leser nach den ersten Seiten (und immer mal wieder erinnert im Buch), auch wissen, das Kay Scarpetta nicht nur die wohl am höchsten respektierte Pathologin Amerikas ist (nicht selten wird der hohe Rang samt Zusatz-Dozentenstellen erwähnt), zudem durch ihren Mann Benton ohne jede Form von Geldsorgen (daher ist klar, das Scarpetta ebenso, wie ihr Mann Benton, der FBI Agent, aus reinem Idealismus und tief verankerter Freude an der Arbeit weiter im Beruf stehen), sondern auch wird eben klar werden, dass Scarpetta auf dem Niveau einer Sterneköchin ihren Benton zu verwöhnen vermag. Mitsamt genauer Kennzeichnung der (teils natürlich verganen) Lebensmittel. Was ein wenig zu viel ist und im Ablauf der Ereignisse eher künstlich hineingezwängt  wirkt.

 

Dass beide umgehend ihren lange geplanten Urlaub (und Bentons große „Überraschung“ in Miami) absagen, weil ein Mann ermordet wird, das ist klar (wenn auch für den normalen Arbeitnehmer kaum zu verstehen).

Aber wer, außer Scarpetta (mit einem doch sehr großen Mitarbeiterstab, die aber alle irgendwie doch Mängel in sich tragen und zu sehr privat mit Affären beschäftigt sind) wäre in der Lage, in einer endlosen Autofahrt im Stau per SMS und Mail schon mal die Eckpunkte der Autopsie abzuklären.

 

Dass sie selbst im Zentrum der Ereignisse stehen wird (wie immer, natürlich), wird ihr zu Anfang schon undeutlich als Gefühl klar und verdichtet sich im Lauf der Ermittlungen immer mehr. Und das natürlich als mögliches Opfer des wohl besten Schützen, den die Killer-Welt je gesehen hat.

 

Sieben Pennys findet sie auf ihrer privaten Gartenmauer, alle geprägt im Jahre 1981, dem Geburtsjahr ihrer über alles geliebten, coolen, lesbischen (und natürlich ungeheuer reichen) Nichte Lucy.

 

So laufen nach dem Mord in der Nachbarschaft (dessen Opfer sich als sehr komplexe Persönlichkeit herausstellen wird), vielfache Ermittlungsfäden in der Handlung zusammen. Teils zu viele, muss man sagen. Denn Benton ermittelt, aber sagt so gut wie nichts. Marino fühlt sich zuständig, ist aber mit seinem eigentlich besten Kumpel und Kollegen im Kleinkrieg. Ihre Ballistikerin ist nicht nur hoch erkältet, sondern verschweigt noch eine wesentlich brisantere Information und Lucy ermittelt zwar mit, scheint aber in irgendeiner Weise sehr abgelenkt zu sein. Der neue Ferrari und der fehlende Ring am Zeigefinger deuten auf persönliche Probleme hin. Zudem wird Scarpetta noch drängend von einem Versicherungsdetektiv der üblen Sorte belästigt.

 

Als dann noch (nach einer, erwähnten, gefühlt ewig dauernden Fahrt ins Institut mit Marino am Steuer) unversehens eine zweite Leiche, ein zweiter Fall plötzlich in den Mittelpunkt rückt (zunächst nicht lange, aber nachhaltig), kann es schon passieren, dass der Leser den roten Faden das ein um das andere Mal verliert und eher mit der Frage beschäftigt ist, ob all diese verschiedenen Handlungsstränge und Opfer zusammenhängen oder doch getrennt zu betrachten wären.

 

All das ist dennoch routiniert und sehr flüssig geschrieben, Kenner der Scarpetta Reihe werden sich umgehend wieder in die Welt der Gerichtsmedizinerin einfinden und auch durch die vielfachen privaten Entwicklungen des Scarpetta Universums nicht überfordert werden.

 

Zudem gestaltet Cornwell das Finale, wie oft, durchaus anregend und spannend und sorgt in der eigentlichen Täterfrage für die ein- oder andere überraschende Wendung.

 

Eine solide Unterhaltung, vor allem für Kenner der Scarpetta Romane, mit doch einigen Unklarheiten und Längen im Ablauf, die eine Weile brauchen werden, vom Leser richtig und passend eingeordnet zu werden und einer doch inzwischen privat, beruflich und im sozialen Status zu „kitschigen“, stereotypen Heldin.


M.Lehmann-Pape 2015