Hoffmann & Campe 2014
Hoffmann & Campe 2014

Patricia Cornwell - Blendung

 

Zäher Einstieg und wenig Überraschungen

 

Falls ein Leser tatsächlich mit diesem Thriller seine Lektüre um die Fälle der Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta beginnen sollte, dann wären die ersten 120-150 Seiten tatsächlich sinnvoll.

 

Denn zu Beginn des Buches stellt Cornwell ihre Protagonisten und deren Verhältnis zueinander (zumindest, was die vier Hauptpersonen der Scarpetta-Welt angeht) noch einmal ausführlich vor, während der aktuelle Mordfall eher wie nebenbei mit dahinfließt (wie Scarpetta eher nebenbei in ihrem Institut vorbeischaut und Ergebnisse vom Tatort sichtet).

 

Da trifft es sich gut, dass Cornwell ihrer Serienheldin zu diesem Beginn des Buches eine handfeste Grippe mit auf den Weg gibt. So ist Scarpetta noch nicht richtig einsatzfähig und kann ihr jüngstes Träume und ihr Beziehungsleben ausführlich reflektieren.

 

Wobei allzu viel Neues bei den Personen nun wirklich nicht zu holen ist. Scarpetta ist weiterhin die kluge, nüchterne, verantwortungsbewusste Frau, der ihre Fälle innerlich nahegehen. Weiterhin ist sie mit innerer Begeisterung mit Benton verheiratete (ein Gentleman vom Scheitel bis zur (teuer bekleideten) Sohle, der nicht anders kann, als sich elegant zu kleiden und ebenso elegant einfach zu sein, der sich aber natürlich nicht scheut, seine edlen Schuhe im Matsch zu ruinieren, wenn es der Fall erfordert, der aber ebenso weiterhin seine Aura von Distanz und Verschwiegenheit pflegt. Ein „Super-Mann“ eben).

 

Scarpettas intensiv lebende und energische Nichte Lucy reitet sich (weiterhin) offenen Auges in Schwierigkeiten hinein und sorgt damit für Sorge bei Scarpetta (in späterhin offen drohender Gefahr für beide).

 

Während Marino nun nicht mehr Scarpettas Angestellter als Chefermittler der Pathologin ist, sondern in den Dienst der Polizei zurückgekehrt ist. Was sich nicht geändert hat ist seine (ebenso eher stereotype) Darstellung als „harter Mann“, der sein Herz vor Jahren bereits an Scarpetta verloren hat (dies ihr aber nur einmal auf seine Art wirklich mitgeteilt hat) und dessen Verhalten durch diese Spannung (auch was seinen Blick auf Benton angeht) geprägt wird. Einer, der ohne Scarpettay Hilfe noch nicht mal seinen Welpen ordentlich erzogen bekommt, das aber nie zugeben würde.

 

Alles Informationen, die seit langem bereits dem regelmäßigen Scarpetta Leser überaus bekannt sind und daher nichts Neues im Buch vermitteln.

 

Neben diesen inneren und äußeren Verwicklungen (in denen jede der Hauptfiguren eine fest zugeschriebene Rolle und größeres inneres Entwicklungspotential übernimmt) findet sich eine Leiche (zunächst nur eine). Eine junge Frau. Rituell drapiert, auf eine Weise ermordet, die einige Zeit braucht, bis Scarpetta diese Mordmethode eindeutig herausfindet. Auf eine Weise drapiert, die frappant an jene Serienmorde erinnert, in denen Scarpettas Mann, der FBI Agent, bereits ermittelt.

 

Doch kann das sein? Und wie hängt das alles zusammen mit der Welt der Informatik (die Tote studierte am MIT)? Mit einem Selbstmord einer Modedesignerin? Oder haben die Ereignisse und die Toten direkt etwas mit Scarpetta selbst zu tun? Wofür nicht nur diese dunkle Gestalt am Rande ihres Grundstücks sprechen würde.

 

Je weiter Scarpetta in die Ermittlungen des Falles eintaucht, desto größer wird die Gefahr für Scarpetta selbst. Was im zweiten Teil des Buches zumindest für eine sich ein wenig steigernde Spannung sorgt.

 

Routiniert fließt der eigentliche Fall vor sich hin, begünstig von einigen wenig logisch wirkenden „Zufällen“ bei der Ermittlung und ebenso bekannt und wenig spannend agieren die Protagonisten untereinander. Vor allem aber, bei allem Reiz eines Falles in Verbindung mit der „digitalen Welt“, ziehen sich auch eher wenig ergiebige Ereignisse sehr in die Länge.

 

Eine deutliche Straffung des Buches und ein höhere Differenzierung der Personen hätte, wie schon in den letzten Thrillern der Autorin, dem Buch sehr gut getan.

 

M.Lehmann-Pape 2014