Hoffmann und Campe 2016
Hoffmann und Campe 2016

Patricia Cornwell – Paranoia

 

Eigentlich schon länger auserzählt

 

Es dauert. In vielfacher Hinsicht. Bevor dieser neue, 23. Fall der Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta ein wenig in Fahrt kommt.

 

Wie der Klappentext bereits betont, zentral in diesem Roman ist ein Video, das Scarpetta auf ihr Smartphone gespielt wird und auf dem ihre Nichte bei einer Straftat gefilmt wurde. Zentral also ist, wieder einmal, ein Teil des Privatlebens von Kay Scarpetta.

 

„Meine Nicht war schon immer eine Herausforderung. Unheilbar starrsinnig. Als Kind unerträglich und ungezogen. Sie war eine geniale Wilde, zornig, wunderschön, leidenschaftlich, furchtlos, ohne Gnade“.

 

Ein Video, dass zur Unzeit eigentlich anlangt, denn Scarpetta ist gerade bei der Begehung eines Tatorts und kann sich eigentlich nicht erlauben, abgelenkt zu sein. Aber das Video hat ihr Handy mit Beschlag gelegt.

 

Multitasking, soweit es geht (was sich im Roman übrigens noch fortsetzen wird, denn neben dem „Kümmern“ um Lucy läuft die Ermittlungsarbeit natürlich weiter, mehr und mehr aber nur nebenbei).

 

Lange breitet Cornwell die Situation vor dem Leser auf. Leicht verwirrend hin- und her schaltend zwischen dem Video und der Gegenwart am Tatort. Was den Leser schon zu Beginn einer Geduldsprobe unterwirft, denn letztlich hätte dieser Anfang des Thrillers deutlich straffer und klarer erzählt werden können, ohne inhaltlich Abbruch zu verursachen.

 

Und auch das ist ein Erkennungsmerkmal dieser 23. Geschichte, neben einer gewissen Langatmigkeit, in der, wie in den letzten Fällen Scarpettay an der Tendenz bereits klar zu erkennen, die Familie und die „Verhältnisse“ Scarpettas mehr und mehr Übergewicht gegenüber den Fällen erhalten.

 

Warum nun nach doch erklecklichen Jahren das Video so erschreckt, warum diese Dinge nicht bereits längst verstaubt und abgehakt sind, das liegt natürlich auch an der Herstellerin des Videos. Und ihren klaren, harten Drohungen gegen Scarpetta.

 

Wobei Scarpetta (und der Leser) lange davon ausgingen, dass jene Carry einfach bereits tot ist. Eine Stimme aus der Vergangenheit? Eine aktuelle Gefahr? Eine Nichte mit einer sehr dunklen Seite, die Scarpetta völlig überrascht. Ein Ehemann, der weiterhin und stärker noch als in den Fällen zuvor unzugänglich sich gibt. Oder ist alles ganz anders und eher „gefakt“?

 

Privates Chaos, das ist, womit Scarpetta in diesem Thriller weitgehend beschäftigt ist. Und damit, wie sie selbst in all dies hineingeraten wurde und am Wenigsten von dunklen Hintergründen wusste. Wie alle ihr nicht die Wahrheit, zumindest nicht die ganze Wahrheit, sagen.

 

Ein Erleben, bei dem lange Zeit nicht so richtig Spannung aufkommen will.

 

Die pathologischen Arbeiten. wie immer detailliert geschildert, bieten kaum Neues im Vergleich zu den früheren Fällen der Medizinerin, die privaten Verwicklungen wirken eher künstlich noch einmal dramatisiert. Auch hier mag der konkrete Anlass „neu“ sein, aber die Grundzüge der privaten Irrungen und Wirrungen und der Probleme der engen Beziehungen sind bereits in vorhergehenden Romanen weidlich Thema gewesen.

 

Dennoch kommt, gerade im zweiten Teil des Thrillers, langsam ein wenig Spannung und Gefahr mit ins Spiel. Routiniert und unterhaltsam geschrieben ist das Buch allemal, genug Übung besitzt Cornwell ja durchaus, was sich gerade in den nicht dialoglastigen Szenen an der bildkräftigen Sprache erkennbar zeigt.

 

 

Für „neue Leser“ bleibt dennoch bestehen, dass es eigentlich zumindest der beiden direkten Vorgänger bedarf, um sich in die Atmosphäre und die verwirrenden, unklaren Beziehungen Scarpettas eingelesen zu haben, für „alte“ Leser der Romane bietet dieser neue Band (wieder einmal) zu wenig vom damaligen Tempo und der Konzentration auf spannende Fälle, welche den Reiz der Scarpetta Reihe einmal ausgemacht hat.

 

M.Lehmann-Pape 2016