Klett Cotta 2013
Klett Cotta 2013

Patricia Melo – Leichendieb

 

Den Kopf über Wasser halten

 

Zunächst geht es für den Ich-Erzähler des Romans weder um den Diebstahl einer Leiche noch überhaupt um irgendeine kriminelle Handlung. Doch das wird sich umgehend ändern, als er, bei einem Angelausflug, den Absturz eines kleinen Flugzeuges miterlebt.

 

Der Pilot stirbt vor seinen Augen und, was soll es schaden, flugs nimmt er den Rucksack und die Armbanduhr des Piloten mit. Kann man immer gebrauchen. Das da auch noch ein Beutel mit Kokain zu finden ist, das aber ist schon ein anderes Kaliber.

 

Es ist schon schwer genug, in diesem kleinen Nest in Brasilien irgendwie durchzukommen, ein wenig Geld durch den Verkauf des Kokains kann da nicht schaden. Nur, dass er sich den falschen Partner sucht. Nur, dass ihm sein Schweigen als Zeuge des Absturzes keine Ruhe lässt. Nur, dass er von der Freundin des eigenen Cousins nur schwer die Finger lassen kann. Nur, dass, einmal Lunte gerochen, das vermeintlich leicht verdiente Geld durch Drogen sehr reizt.

 

Wobei er in der Zwischenzeit der Familie, vor allem der Mutter des toten Piloten auch nahe gekommen ist. Eigentlich suchte er Kontakt nur, um dort beruhigend zu wirken, doch, wie so vieles in der Geschichte, nehmen die Ereignisse eine ganz eigene Dynamik auf, die ihn letztlich in große Zwickmühlen geraten lassen wird.

 

Nicht immer einfach zu lesen ist dieser Thriller. Sprachliche Ticks der Hauptperson (aus seinem alten Beruf als Call-Center Agent hat er es sich angewöhnt, Gedanken und Sätze mit einem „Over“ zu beenden, was manches Mal den Leser fast schon nervt). Durchgehend aber ist Patricia Melo nah an der Atmosphäre dieses „Brasiliens von Unten“.

Überlebenskampf, Geld ist rar, Korruption überall, scheinbar solide Väter und Familienoberhäupter haben da noch ganz andere „Familien“ mit in Petto. In dieser Gemengelage einen klaren, eigenen Weg zu gehen, das fällt schwer. Und diese innere Schwierigkeit, die bringt Melo nachfühlbar immer wieder auf den Punkt, lässt den Leser daran teilhaben, wie der Protagonist der Geschichte mehr und mehr sich verstrickt.

 

„Lange Zeit hatte ich geglaubt, Schlechtigkeit erfordere einen langen Lernprozess. In jenen Tagen begriff ich, dass das Schwere ist, ein guter Mensch zu sein....... Die Schlechtigkeit aber ist uns schon von Geburt an eingeimpft wie ein angeborenes Virus, das nur den passenden Moment abwartet, um in Erscheinung zu treten“.

 

Wobei „Schlechtigkeit“ in Form einer moralischen Verkommenheit nicht der rechte Begriff für das Handeln des Ich-Erzählers wäre. Es ist das menschlich allzu menschliche, dass in mehr und mehr in Situationen hineinbringt, in welchen er „schlecht“ handelt. Wie er sich entwirrt? Ob ihm das überhaupt gelingt, wenn sich die Schlingen enger zusammenziehen, dass ist der innere Spannungsbogen des Buches, der den Leser durchaus bis zum Ende bei der Stange hält. Trotzdem Melo die Geschichte rein als ständigen Gedankenfluss erzählt und daher kaum kribbelnde Spannung durch den Aufbau gefährlicher Situationen erzeugt.

 

Alles in allem ein atmosphärisch dichter, die Lebensweise „unten“ in Brasilien gut vermittelnder Roman, der die fast zwangsläufige Entfaltung des „Schlechten“ im Menschen in intensiver Weise nachvollzieht.

 

M.Lehmann-Pape 2013