Piper 2010
Piper 2010

Peter Schwindt - Schwarzfall

 

Wenn der Strom ausfällt…..und es schwarz wird.

 

Was geschieht in unserer energieintensiven Zeit, wenn der Strom ausfällt und das für einen deutlich längeren Zeitraum als ein paar Stunden? Welche Entwicklung nimmt das, scheinbar nur vordergründig gezähmte "Raubtier Mensch", wenn der ordnende Rahmen der Staatsmacht nicht mehr in Erscheinung tritt?

 

In seinem  neuesten Roman greift Peter Schwindt, bisher bekannt vor allem als Autor von Jugendbüchern, dieses brisante Thema auf.

 

Anhand dreier Personengruppen entfaltet er eine sich langsam, aber stetig steigernde Geschichte.

Das junge Elternpaar Jessie und Patrick, haltlos und Arbeitslosengeld II Empfänger, in einem Wohnsilo von Seckbach, einer Stadt im Frankfurter Umland.

Das gestandene Ehepaar Hellmann samt Familie, eher der klassischen Mittelschicht zu zurechnen und entsprechend in Seckbach im Einfamilienhausvietel lebend und Katharina Debus, Ärztin am Krankenhaus in Seckbach, werden zu Beginn des Romans in ruhiger, ausführlicher und dennoch nicht langatmiger Weise in ihren Persönlichkeiten, Lebensumständen und Prägungen vorgestellt.

 

Die Geschichte der Protagonisten beginnt, sich im Verlauf eines Tage anhaltenden Stromausfalles mehr und mehr zu Verknüpfen. Jede der Figuren des Buches stellt sich den immer katastrophaler werdenden Umständen in ihrer ganz eigenen Weise und sieht sich mit ganz eigenen, sich ebenfalls steigernden, privaten Problemen konfrontiert.

 

Im zweiten Teil des Buches eskalieren die Ereignisse. Was wird passieren, wenn die Bürgerwehr des bürgerlichen Wohnviertels in Seckstedt sich der Konfrontation mit den unerträglich werdenden Umständen des sozialen Brennpunktes in der Nachbarschaft gegenüber sieht?

 

In sprachlich ausgewogener Form, mit einem geschärften Blick für das Detail und in unaufgeregtem Erzählstil gelingt es Peter Schwindt, aus den zunächst vorgestellten Stereotypen seiner Protagonisten eine lebendige und nachvollziehbare Entwicklung der Personen intensiv zu vermitteln.

Spannend, wie sich Patrick von einem ständig auf "Respekt" pochenden Mann der Unterschicht, der Gewalt als grundlegende Strategie nach vorne rückt, zu einem verantwortlichen Vater entwickelt.

Ebenso eindringlich der Blick hinter die Kulissen der "heilen Welt" des Ehepaares Hellmann und seiner beiden Söhne, bei dem die mühsam beherrschten "inneren Gewalten" die Fassade im Verlauf der Geschichte tiefen Rissen zuführt.

 

Diese Entwicklungsgeschichten sind das eigentliche Thema des Buches, das damit wie ein Spiegel der Prägungen und Fassaden eines vermeintlich zivilisierten Lebens fungiert. Eine Fassade anerzogener sozialer Verträglichkeit, die nicht lange Bestand hat, wenn das gewohnte Leben intensivem Druck ausgesetzt ist.

Ebenso lässt das überraschende Ende und die entscheidende Rolle, die die, bis dahin blasse, Ehefrau Hellmann dabei spielt nicht Gutes für die Zukunft erahnen und bleibt dennoch im Blick auf andere Figuren der Geschichte nicht ohne Hoffnung auf die Entwicklungsfähigkeit des Menschen selbst in Grenzsituationen.

 

 

Wie sehr unsere vermeintlich lange Zeit austarierte Gesellschaft unter der Oberfläche bereits in brodelnde Spannung geraten ist, wie sehr wir, selbst was einfache Lebensmittel angeht, vom energiehungrigen Strom der Waren abhängen und wie schwierig ein wirkliches soziales Miteinander ist, davon zeugt dieses Buch. Immer mit einer latenten Spannung und auch in den Nebenfiguren in der Tiefe beschrieben gestaltet. Gerade die vermeintlichen "Eckpfeiler" der Gesellschaft werden hier in ihrer meist meisterhaft versteckten, hässlichen Seite entlarvt.

 

 Ein in seinem Sprachrhythmus gut zu lesendes Buch, dass uns die Gefährdungen, aber auch Möglichkeiten unseres Lebens im sozialen Rahmen eindringlich vor Augen führt.

 

M.Lehmann-Pape