Hoffmann und Campe 2015
Hoffmann und Campe 2015

Petra Reski – Die Gesichter der Toten

 

Mafia goes „grün“

 

Irgendwie geht es nicht voran, nicht so richtig.

 

Professionell und durchaus verbissen arbeitet sich Serena Vitale, Staatsanwältin und Mafia-Jägerin, an der Suche nach Alessio Lombardi ab.

 

Und gerade, als ihre vielversprechendste Spur in der Nähe wäre, „zu liefern“, ist sie ein einziges Mal in den letzten Jahren schwach geworden und befindet sich im Liebesspiel auf einer abgeschiedenen Insel ohne ausreichenden Handy Empfang.

 

Wie aber kann das sein, dass der, den sie lückenlos überwacht, nun einfach festgenommen wird? Angeblich aufgrund eines polizeilichen Ersuchens aus Deutschland?

 

Vitale reist in ihre alte Heimat, nach Dortmund, den Ort, an dem sie aufgewachsen ist. Lässt ihre guten Verbindungen spielen und läuft dennoch zunächst ins Leere. Wenn da nicht der angeblich alte und gute Freund ihres Vaters auftauchen würde. Mit ein paar mahnenden Worten an die Staatsanwältin. Ein „alter Freund“, von dem sie noch nie gehört hat.

 

Währenddessen das für Vitale „rote Tuch“ unter den Journalisten dieser Welt, der FAKT Redakteur Wieneke sich auf gewohnt unbeherrschte, unbeholfene Art einem deutschen Großinvestor nähert. Eigentlich nur für ein „buntes Interview“, doch auch er wird von seiner Seite der Recherchen aus Verbindungen finden. Denn die „grüne Industrie“, die Umwelttechnologie mit all ihren Subventionen, wäre das eine Geldquelle, welche die Mafia unbenutzt ließe?

 

Eine dritte Perspektive der verzweigten Geschichte aus Mafia, Politik, Fahndung und Verstecken führt Reski mit dem (sehr gelungenen) Ermittler Romano ein, Der einzige der Ermittler, der eine direkte Verbindung durch einen hochrangigen Informanten zur Mafia und dem untergetauchten Lombardi vage in den Fingern hält. Der mit seiner ganz besonderen Form der Verkleidung und seiner ganz besonderen Lebenshaltung vielfach (im wahrsten Sinne des Wortes) Farbe mit in die Ermittlungen und den Fortgang der Ereignisse im Buch bringt.

 

Differenzierte Figuren, Protagonisten, die jeweils ihre auch anstrengenden, teils dunklen Seiten in sich tragen und eine souveräne Darstellung der vielfachen Verbindungen der Mafia auf allen Ebenen auch des öffentlichen Lebens sind auch in diesem Thriller die Stärken Reskis, gemeinsam mit dem sehr realistisch wirkenden Blick auf die engen, nicht-öffentlichen Verbindungen und Beziehungen hinter den Kulissen von politischer Macht, Industrie und Finanzkraft.

 

In der sprachlichen Form ist die Lektüre allerdings in einzelnen Teilen auch ein stückweit anstrengend. Da Reske auch in Dialogen auf Anführungszeichen verzichtet und zwar mit erkennbarem Tempo, aber insgesamt eher gleichförmig im Duktus die Geschichte erzählt, sind Handlungen und Dialoge sowie die Abtrennungen der verschiedenen Perspektiven nicht immer griffig.

 

Alles in allem ein intelligenter, logisch konstruierter und mit einiger Spannung gerade zum Ende hin versehener Thriller, der gute Unterhaltung bietet, aber in der Form der Darstellung auch Konzentration erfordert und die ein oder andere Länge mit sich bringt.


M.Lehmann-Pape 2015