Droemer 2014
Droemer 2014

Reginald Hill – Der Tod heilt alle Wunden

 

Hervorragende Darstellung der handelnden Personen

 

Das, was Hills Thriller immer wieder zu etwas Besonderem machen, ist der Umgang des Autors mit seinem Personal. Die Erfindung und mitreißende Darstellung immer neuer Individuen, die bis in die „Nebenrollen“ hinein liebevoll und differenziert gezeichnet die Geschichten tragen .

 

Und das betrifft auch in diesem Roman bei Weitem nicht nur das kongeniale Zusammenspiel des misanthropisch-lebenserfahrenen-monolithischen-zynischen Superintendenten Andy Daziel und seinen (darunter leidenden, immer wieder zum „Untertan“ gemachten und sehr soliden Chief Inspector Pascoe), das trifft in Bezug auf jede einzelne der breit, tief und lebendig-bildreich dargestellten Personen auch in diesem Thriller zu.

 

Von der jugendlichen Charly Heywood (nur durch Zufall als Gast in Sandywood, dem Ort des Geschehens“ bis hin zu Lady Daphne („Breitarsch), deren mögliche Erben, alten und neuen Feinden, Alteingesessenen und zugereistem „bunten“ Volk (von „Heilern“) bis hin zu Tom Parker („Der Sanfte“) und seiner Familie, allen voran die neunjährige, offensive Minnie.

 

Das alles dargeboten, in einem trockenen Sarkasmus und einem respektlosen Blick auf die Welt und die Menschen, der immer wieder aufs Neue den Leser mit trockenem Humor und klarer Desillusionierung unterhält.

 

Natürlich schafft Hill dabei auch Stereotype (der sanfte Alternativheilgläubige, die Schar an „Schamanen“, die „Sammelheftglanzbilder“ reicher und schöner junger Menschen), gibt jeder Figur aber immer doch den entscheidenden Eigendreh und die notwendige individuelle Ausprägung mit auf den Weg, um diese für den Leser sehr fassbar und griffig zu gestalten.

 

Wobei ebenfalls bemerkt werden muss, dass es Hill in der Breite seiner Darstellung doch auch bis zur Grenze treibt. Irgendwann möchte der Leser schon drängend in all diesen Personendarstellungen, dass klar wird, was diese Personen in diesem Buch da alle sollen.

 

„Und jetzt sieht es aus, als warten alle nur auf den Fall, alle warten auf den Autor, der das Startzeichen gibt“. So fasst es Daziel auf seinem Diktiergerät („Mildred“ genannt“), zusammen und spricht damit nach fast 200 Seiten dem Leser tief aus der Seele.

 

Und dann folgt der Mord, bei dessen (langer) Aufklärung alle Verdächtigen auf überschaubarem Raum vorhanden sind und auch genügend Hinweise auf das ein oder andere Ereignis der Vergangenheit auf den Weg gebracht wurde, um ein munteres Rätselraten in Gang zu setzen.

Für das umgehend natürlich Pascoe mit seinem (ebenfalls teils skurril gestaltetem) Team vor Ort erscheint, um mit seinen orthodoxen Ermittlungsmethoden  den Gegenpart zum burschikos-offensiv-lärmenden Daziel zu geben.

 

Diese Ermittlungen und der Fall selbst stellen sich als klassische, durchaus mit vielfachem Wiedererkennungswert versehene Abfolge von Verhören und Überlegungen dar, wie sie in der Struktur seit Agatha Christie durchaus bekannt sind. Auch wenn dieser eine Mord nicht der letzte bleiben wird und es durchaus interessant ist zu lesen, was Akupunkturnadeln so alles anrichten können und wie so manche „Wunderheilung“ in den Raum tritt.

Mitsamt den fast voraus zu ahnenden überraschenden Wendungen bei der Motivlage und dem Mörder. Auch hier also lebt der Roman in weiten Teilen deutlich mehr von den nassforschen Ermittlern, den Scharaden der Verdächtigen und den vielfach möglichen Motiven, als nur vom Geschehen selbst.

 

Vor allem die jugendliche Charly hat dabei durchaus das Zeug dazu, Daziel in ihrer Weltsicht und schnoddrigen Art zu beerben.

 

 

Angesiedelt in der Atmosphäre der „Naturheiler“ und der knochigen Bewohner von York bietet Hill einen soliden Kriminalfall mit herausragendem „Personal“ in sarkastischer und trocken-humorvoller Sprache, die er bestens beherrscht.

 

M.Lehmann-Pape 2014