Suhrkamp 2012
Suhrkamp 2012

Reginald Hill – Rache verjährt nicht

 

Ein moderner Monte Christo

 

„Das Leben birgt mehr Überraschungen als Gewissheiten“. Dieser Satz aus dem Buch beschreibt durchaus ganz gut auch das Buch selbst.

Eine Analogie zum bekannten und in vielen Varianten bereits „verarbeiteten“ „Grafen von Monte Christo“ von Dumas. Wobei es dieser Thriller in sich hat, wie man getrost sagen kann.

 

Figuren, die intensiv ausgereizt werden und in vielfachen Schattierungen von Hill empathisch durch den Roman geführt werden. Die Zerstörung einer (erfolgreichen) Existenz, die der des Ursprungromans in keiner Weise nachsteht. Im Gegenteil, die Intrigen, die gesponnen werden und die daran beteiligten „engen Freunde“ wirken fast noch perfider und realer als bei Dumas.

Und was hinter all dem noch lauert an Wissen über seine Tochter, an Verbindungen zu seiner ehemaligen Frau, das ist beileibe nicht vorhersehbar nach den ersten Seiten des Buches.

 

Vor allem aber der „Weg der Rache“, den Hill wie eine Gratwanderung beschreibt und dabei den Leser ein ums andere Mal in die Irre führt, die Spannung erhält und erhöht, was denn nun von jenem „Wolf“ zu erwarten ist, der in diesem Buch zunächst als Opfer nicht nur in seiner Reputation, sondern auch physisch fast völlig zerstört wird.

 

Oft spielt Hill gekonnt mit der Trägheit des Geistes, die beim Leser immer wieder vermeintliche Wiedererkennungsmerkmale setzt, so dass der Fortlauf der Dinge schon früh ganz klar zu sein scheint. Nur, um dann doch eine ganz andere Wendung hinein zu bringen.

 

So wie im Falle des Todes eines Kriminalpolizisten im Ruhestand in Spanien, der sich anders auflösen wird, als es naheliegend in den Raum zu treten scheint. So auch, was die eigentliche Haltung Imogens, der ehemaligen Frau des Intrigenopfers Sir Wilfred, genannt „Wolf“, angeht. Einer, der sich aus einfachen Verhältnissen nach oben gearbeitet hat, der dabei eine intensive Hilfestellung von geheimer Stelle hatte. Eine geheime Stelle, die allerdings keinen Finger rührt, um ihn vor der offenkundigen Lüge, die seinen Ruf zerstört, zu schützen.

 

Jahre verbringt Wolf im Gefängnis unter psychiatrischer Betreuung. Erst, als er endlich die Vorwürfe zugibt, erhellt sich seine Prognose und er wird in unter Auflagen in die Freiheit entlassen.

Ein Geständnis, das nicht nur den Leser zunächst vor Rätsel stellt.

 

Ein stark mitgenommen scheinender Mann, der nun das alte Haus seines Vaters im gleichen Dorf in Cumbria bezieht, zu dem auch das Schloss seiner ehemaligen Schwiegereltern, des verbindlichen Sir Leon und der eiskalten Lady Kira, gehört. Ein Dorf, das ihm konsequent die kalte Schulter zeigt, bis auf den jungen Vikar des Dorfkirche. Ehemalige Schwiegereltern, die ein noch weit dunkleres Geheimnis hüten als die Intrige, der Wolf zum Opfer fiel.  Sein ehemaliger Freund, der seine ehemaligen Frau geheiratet hat. Sein anderer „bester Freund“, der sein Geschäftspartner war, seine Therapeutin, die sich nicht völlig von Wolf lösen kann. Eine ganze Menge an Personen kreist nun in Gedanken um diesen Wolf und das, was er vorhat. Denn dass er etwas vorhat, darüber sind sich alle einig, Freund und Feind.

 

Mit immer neuen Wendungen, Annäherungen, Entfernungen, Distanzen, Feindschaft und auch hier wieder Brüchen in den scheinbaren klaren „schwarz-weiß“ Ausgangslagen führt Reginald Hill den Leser mit großer Spannung durch die gut 670 Seiten des Buches. Sprachlich klar und direkt mit hohem Tempo, dem auch die verschiedenen Rückblicke und biographischen Erläuterungen der handelnden Personen kaum Abbruch zufügen. Vor allem, da man von Beginn an davon ausgehen kann, dass all diese teils auch unvermittelten Rückblicke ihren Teil zum Gesamtbild hinzuzufügen haben.

 

Ein Thriller mit einem überzeugenden Plot, hervorragend geschrieben und mit intelligenten Konstruktionen, somit eine sehr empfehlenswert Lektüre.

 

M. Lehmann-Pape 2012