dtv 2014
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Richard Crompton – Wenn der Mond stirbt

 

Gelungenes Debüt

 

„Der Wahlbetrug interessiert uns nicht. Das würde uns sowieso niemand glauben, erzählen sie uns von Lucy“.

 

In diesem unscheinbaren Satz schwingen die beiden Elemente dieses Kriminalromans wieder, die dem Buch seinen roten Faden und (was den „Wahlbetrug“ angeht), seine Würze geben.

 

Eine Frau ist äußerst blutig und grausam ermordet worden. Die Leiche findet sich in einem Abwasserkanal in einem Park.

Was in europäischen Breitengraden umgehend als Tat eines blutrünstigen Mörders betrachtet werden würde, ist allerdings in Nairobi eine zweite bis dritte Überlegung wert.

Da, wo das Beschneiden von Mädchen und Frauen zwar offiziell untersagt ist, aber dennoch bei einzelnen Stämmen noch zur „Tagesordnung“ gehört.

Und beschnitten worden ist die junge Frau, eine Massai. Von wem und warum auch immer.

 

Mollel ist Polizist von ganzem Wesen her. Ein „innerer Auftrag“, der über allem anderen steht. Selbst über seinem Sohn, auch an Weihnachten.

Zwar ist er durch ein persönliches Drama massiv innerlich belastet (seine Frau starb unter den Trümmern eines Hauses bei einem Bombenanschlag).  Doch nun wird er zu diesem Fall hinzugezogen. Und geht in Spur.

 

Auf dem Weg der Ermittlungen ziehen am Leser wie nebenbei die Eigenarten, die kulturelle Ausrichtung, die staubigen Straßen, die erstarkenden evangelikalen Gemeinden nach amerikanischem Vorbild und der ganz normale, auch politische, Wahnsinn Kenias vorbei.

 

Das Brodeln des Zorns in den Menschen, vor allem in den Slums. Die Lebensbedingungen überhaupt. Die Unversöhnlichkeit zwischen den Angehörigen verschiedener Stämme. Ein Pulverfass, in dem schnell Kugeln fliegen oder Macheten geschwungen werden.

 

Strukturen eines Landes, atmosphärische Schilderungen des Lebens in Nairobi vor allem, Gemengelagen, Militärpräsenz, Wahlen, die jederzeit entgleisen können, Mächtige, die ganz eigene Ziele verfolgen, Wunder bei Gottesdiensten, die vielleicht doch pharmazeutisch bedingt sein könnten und hinter der Oberfläche Interessen, die im Stillen ihren Weg gehen und von einem einfachen Massai, sei er auch Polizist, nicht gestört werden wollen.

 

Schon der „Fall“ alleine liegt zudem bereits intelligent konzipiert und mit einigen überraschenden Wendungen versehen vor, zudem versteht es Crompton, die Ermittlungen mit mannigfaltigen Gefahren und entsprechender Action anzureichern.

 

So ergeben sich mit den vielen, teils auch nur als Kleinigkeiten erwähnten, Besonderheiten des Schauplatzes, ergibt sich im Gesamten ein sehr dichter, frischer, anders als gewohnter Roman, der eigene Wege bei den Ermittlungen geht und der die Protagonisten noch vor ganz andere Gefahren der schwelenden Gewalt stellt, als es an anderen Schauplätzen denkbar wäre.

 

 

Ein lange undurchschaubares Verbrechen, eine bedrohliche Umgebung, mächtige  „Dreher von Rädern“, die ihre eigenen Interessen unnachgiebig verfolgen und ein innerlich angeschlagener Ermittler, den Crompton sehr realistisch konzipiert. Sehr empfehlenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2014