Heyne 2013
Heyne 2013

Robert Harris – Intrige

 

Mischung zwischen Dumas und „Vaterland“

 

Alfred Dreyfus ist durch ein Geheimgericht schuldig gesprochen. Vor allem aufgrund eines handschriftlichen Dokuments, von dem mehrere beteiligte Offiziere, auch Angehörige des Geheimdienstes, ihren Eid über dessen Echtheit  geschworen haben.

 

Spionage für den Feind, Geheimnisverrat an Deutschland und Italien. So der scheinbar erwiesene Vorwurf. Den niemand nachprüfen kann, da Beweise und Verfahren nicht öffentlich abgehalten wurden. „Das Volk“ hat hier auf „das Wort“ seiner Militärs zu trauen. Und Punkt.

 

Dreyfus wird auf die Teufelsinsel bei Cayenne verschifft. Damit dürfte der im Jahr 1894 nicht nur in Paris für höchstes Aufsehen sorgende Fall endgültig abgeschlossen sein, wenn auch weitere diplomatische Gereiztheiten verbleiben. Frisch ist die Erinnerung an die schmähliche Niederlage gegen Preußen 1871, groß die Lust auf Rache, ebenso groß die Ressentiments gegen den deutschen Nachbarn.

Sicher, die beweise waren ein wenig dürftig. Aber in die wachsende antisemitische Stimmung (nicht nur) im Frankreich jener Tage hinein wird da nicht so genau hingeschaut.

 

„Die Römer warfen den Löwen Christen zum Fraß vor, wir nehmen Juden“, so drückt es der scheidende Chef des Geheimdienstes aus.

 

Und, hat nicht Mercier, der Kriegsminister, den Fall und die Verurteilung mit auf seine Ehre genommen? Ebenso wie der Geheimdienstoffizier Henry?

Gegen jene „Rasse ohne Patriotismus, ohne Ehre und Stolz“?

 

Und da wird ja wohl der neue, ins Amt protegierte Leiter des Geheimdienstes, jüngster Oberstleutnant der Armee, frisch befördert, Marie-Georges Picquard, ganz im Sinne der Minister und des Generalsstabs seinen Dienst treu versehen.

 

„Es gibt einen Verräter, nur dass ich es nicht bin…“, diesen Worten des Dreyfus wird kein normaler Mensch vertrauen schenken, das ist für die Minister und Generäle klar.

 

Wenn nicht jener Picquard (leider) einfach konsequent seine Pflicht tun würde und im Verlauf seiner Nachforschungen auf genau jene Handschrift erneut stößt, in der doch Dreyfus sein verräterisches Dokument  verfasst haben soll.

Wenn dieses nun nicht die Handschrift des Verurteilten sein kann, wessen ist es dann? Und, als sich das klärt, warum wird der Prozess nicht neu aufgerollt, sondern der junge Picquart findet sich bald auf neuem Posten in Afrika wieder?

 

Hat der mit starkem Sinn für theatralische Dramen ausgestattete Oberst Armand du Paty de Clam hier seine Handschrift hinterlassen?

 

Harris lässt seine Darstellung der Geschichte mit der Urteilsvollstreckung an Dreyfus beginnen und führt den Leser anhand der Perspektive des jungen Picquart intensiv durch die Geschichte eines massiven, politischen Komplotts, zunehmender Intrigen, verbohrter und nur auf den eigenen Vorteil beharrender mächtiger Offiziere, einer Welt des zunehmenden Antisemitismus, des zerstrittenen Europas, der beharrlichen Falschaussagen selbst hoher Würdenträger zum „Schutz der Armee“, vor allem aber, um das eigene Fortkommen zu sicheren.

Vom Militär über die Politik bis hin zur Surete und zur Justiz reichen die Ränkeschmiede, die

Bestechungen, die Verwerfungen, die der Fall Seite für Seite mehr annimmt.

 

Wobei Harris in trefflicher Form und klaren Sätzen die Atmosphäre jener Zeit, das bigotte Verhalten, das „Schein vor Sein“ wunderbar lebendig geschildert und dem Leser nachvollziehbar die „Stimmungen vor Augen führt“.

 

Wie einen Abenteuerroman aus der Feder eines Dumas erzählt Harris seine Geschichte, spannend, klar, temporeich, mit überraschenden Wendungen, trotzdem der Fall Dreyfus ja durchaus bekannt ist. Überzeugend gelungen ist dabei nicht nur die Person des Oberstleutnant Piquard, sondern allen Figuren verleiht Harris ihre je eigene Färbung, skizziert mit je wenigen Strichen ganze Persönlichkeiten und lässt wenig reines „schwarz-weiß“ denken zu.

 

Ein spannender Roman über ein historisches Ereignis, das zunächst wie nebenbei durch Harris im Buch sorgfältig nachgezeichnet wird, bis der Fall mehr und mehr zum Mittelpunkt des Geschehens wird und bestens die Atmosphäre der Zeit, die Haltung der Menschen, die Stringenz patriotisch-militärischen Denkens ebenso treffend darstellt, wie die Überzeugung der eigenen Fehlerlosigkeit und die Skrupellosigkeit zum Schutz der eigenen Karriere.

 

 Zum Ende hin dann mit doch langsam nachlassender Spannung, da der Ausgang der Prozesse dem historisch interessierten Leser bekannt sein dürfte. Dennoch lässt auch hier Harris die Geschichte ebenso sorgfältig formuliert und die Kreise abschließend ausklingen, wie er das gesamte Buch konzipiert hat.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014