Goldmann 2017
Goldmann 2017

Robert Wilson – Wer Lügen sät

 

Spannend, aber nicht ohne Längen

 

Das Robert Wilson an gegebenem Ort kein Problem mit expliziter Gewaltdarstellung hat und dass sein „Charlie Boxer“ auch in diesem neuen Thriller durchaus kurzen Prozess zu machen versteht, wenn Gefahr im Verzug ist, darin gestaltet Wilson auch klare und direkte Action-Szenen. Die aber wohldosiert im Buch erscheinen und eher „Zugabe“ denn prägendes Stilelement ist.

 

Wie aber Leidenschaften und Gier, der unbedingte Wille zur Macht und zur Intrige nicht nur einzelne Menschen prägt, sondern durch diese auch die Atmosphäre von Beziehungen, ja ganzer Gesellschaften bestimmt, das arbeitet Wilson an den beiden roten Fäden auch dieser Geschichte bestens heraus.

 

Brasilien, Favela, Reiche, die sich nur in gesicherten Häusern und Vierteln aufhalten und bevorzugt mit Hubschraubern ihre Ziele anfliegen. Eine Gesellschaft, in der Entführungen in härtester Form Alltag sind und das Fordern von Lösegeld Charlie Boxers Profession, das „Verhandeln“ in ein gutes Geschäft verwandeln.

 

Wobei Wilson ebenso genau offenlegt, dass selbst das Leben des eigenen Kindes die Neigung zur kalten Berechnung nicht wirklich zu erschüttern vermag, selbst wenn mit einem Briefumschlag eindeutige Zeichen der Härte gesendet werden.

 

Die Entführung der Tochter eines der einflussreichsten Industriellen und Politikers Brasiliens ist hier der eine rote Faden, an dem Wilson die Zeichen der Zeit selbst spannend darstellt. Und an dem er immer wieder auch auf die persönliche Entwicklung, die „Selbstfindung“ seines sensiblen und doch auch brettharten Protagonisten.

 

Denn es dauert nicht lange, und Boxer schwant, dass dieser Mann namens Melo alles andere als ein Harmloser, zufällig reicher und nun verängstigter Vater ist.

 

Denn nicht nur in einer Welt voll Taktieren, Lügen, Intrigen, und dem ständigen Versuch, einander zu übervorteilen, bewegt sich Boxer beruflich, sondern auch in seinem privaten Leben.

 

Was Mutter und Vater angeht, was den Druck gegen ihn von einem Geheimdienst angeht, muss Boxer alle Sinne geschärft lassen, nicht unter die Räder zu kommen, nicht von anderen Interessen ausgelaugt zu werden und nicht selbst als Zielscheibe der Mächtigen sich wiederzufinden.

 

Dass der Mann dabei ein gutes Herz hat, dass er Werte in sich trägt, die ihn auch hohe Gefahren für sich selbst auf sich nehmen lassen, wenn er den Eindruck hat, helfen zu wollen, das macht ihn dem Leser durchaus sympathisch.

 

Wobei ein „gutes Herz“ nichts damit zu tun hat, dass Boxer leichtsinnig werden würde. Immer einen Schachzug vorausplanen, Gegner gegeneinander aussielen und auch private Enthüllungen einstecken können, die durchaus je „Schläge in den Nacken“ in sich tragen, darin ist Charlie Boxer unnachgiebig.

 

Was nicht nur bei den Verhandlungen mit den Kidnappern in Brasilien zum Tragen kommt, sondern auch im Finale dieses Teils seiner Geschichte auf heimischem Boden für Spannung am Ende sorgen wird.

 

 

Alles in allem zwar mit einigen Längen versehen (in denen Wilson zu detailliert auf Situationen und manche Personen eingeht), im Gesamten aber wiederum ein hervorragender Thriller mit einem besonderen „Suchenden“ und „Kämpfer“.

 

M.Lehmann-Pape 2017