C.Bertelesmann 2012
C.Bertelesmann 2012

Roberto Constantini – Du bist das Böse

 

Ein Mordfall für das Leben

 

Alleine schon die Idee, seine Hauptfigur, den Commissario Michele Balistreri, an zwei Polen seiner Dienstzeit (zu Anfang und zum Ende hin) hin in einer solchen Unterschiedlichkeit anzulegen, gibt diesem Buch eine ganz besondere Intensität.

 

Vom Draufgänger, Frauenhelden, Egozentriker, dessen höchstes Tagesziel es ist, irgendeine attraktive Frau für sich zu benutzen(und den Rest von Dienst und Leben wenig interessant zu finden), hin zu einem kränklichen, desillusionierten, angewiderten und vor allem privat „verbrauchten“ Mann, das ist die Lebenslinie, die Entwicklung, die Ballistreri vollzieht.

 

Warum genau das so ist, was den Mann innerlich fast zerbrochen hat? Nur in kleinen Rückblicken zeigt Constantini diesen Weg auf und macht aber jederzeit klar, dass diese Entwicklung letztlich im jungen Draufgänger bereits angelegt war. Denn ist das Desillusionierte nicht ebenso eine Form von Egozentrik wie das Oberflächliche der jungen Jahre? Im Buch selber setzt Constantini einen scharfen Schnitt von Jahrzehnten zwischen die beiden unterschiedlichen Persönlichkeiten. Und doch wird der junge Mann noch einmal im alten Polizisten erkennbar werden. Und vielleicht wirklich zu sich selber finden können.

 

Ein Fall aus seiner Anfangszeit holt ihn ein. Damals, als im Amtssitz eines Kardinals eine wunderhübsche, fromme, reine Seele von jungem Mädchen verschwand und ermordet wird. Und sich dann herausstellte, dass so rein und fromm die Frau wohl gar nicht war, ein Schwangerschaftsabbruch zumindest lässt sich nachweisen. Und der junge Balistreri sieht sich unvermittelt den klassischen Einflüssen der römischen Gesellschaft gegenüber. Der Vatikan, die Macht des Kardinals, der Comte, der eine Villa auf dem Gelände des Amtssitzes mit seiner Familie bewohnt. Keinen Schritt weiter kommt Balistreri mit der Aufklärung. Und als er dann doch einen Verdächtigen verhaftet, liegt er, zumindest „offiziell“, daneben.

 

Doch 25 Jahre später geschieht wieder ein Mord. Mit gleicher Handschrift. Und nun spielen mehr Mitspieler mit, wobei auch die alten Gegenspieler vom Kardinal bis zum Comte und dessen Sohn wieder in das Blickfeld des Commissario treten. Ebenso, wie sein engster und längster Freund, Angelo Dioguardi, inzwischen professioneller Pokerspieler, ihm zunächst wieder zur Seite steht. Hin und her wogen die Ereignisse. Innerhalb derer Balistreri zum ersten Mal im Leben so etwas wie eine echte Liebe findet, fast getötet wird, wieder der Fall aufgeklärt scheint und dann, nach fast 580 Seiten, ganz am Ende, als alle Leichen gezählt zu sein scheinen, doch noch die wahre Auflösung zu finden, die weder er noch der Leser je so vermutet hätten.

 

Auch wenn es gewöhnungsbedürftig ist, sich in die Tiefen und Höhen der höheren Gesellschaft einerseits und der kleinen Syndikate der Stadt Rom anderseits zu bewegen, auch, wenn es seine Zeit dauert, gerade die vielen doch ähnlich klingenden Namen und Personen einzuordnen und auseinander zu halten, Constantini versteht es perfekt vor allem durch seine Liebe zu all seinen Figuren (die er, jeden und jede, individuell und vielschichtig anlegt) und durch die unentrinnbaren Verbindungen, die zwischen diesen bestehen, einen echten Lesesog entstehen zu lassen.

 

Der Fall selber ist grandios konstruiert und folgt schlafwandlerisch sicher jenem Grat zwischen Verwirrung, vermeintlichen Klärungen und echten Hinweisen, die den Leser ständig auf neue, interessante Wendungen hinführen, vermeintliche Sicherheiten wieder nehmen und ihn jederzeit ins Angesicht schwer durchschaubarer Personen stellen.

 

Zynisch ist dabei nicht nur Balistreri selbst, hehre Ideale und eine Unterteilung in Gut und Böse findet man im Buch nicht und gerade das macht es so real, reizvoll und überraschend, auf welche inneren und äußeren Wege Constantini den Leser mitnimmt.

 

Das Buch ist ebenso ein absolut spannender Thriller, wie Constantini Charakterstudien der modernen Welt vorlegt und einen profunden Einblick in das Leben Roms, was Ortsteile und Menschen angeht, gibt. Einfach hervorragend.

 

M.Lehmann-Pape 2012