C.Bertelsmann 2014
C.Bertelsmann 2014

Roberto Costantini – Die Saat das Bösen

 

Breit und weit angelegt

 

Alle Stärken, die Constantini bereits in seinem ersten Roman um den differenzierten Kommissar Michele Balistreri überzeugend umgesetzt hat, kommen auch in diesem zweiten Band zum Tragen. Mit noch feinerem Schliff, was die Personen angeht, mit einem Lebensweg und einem „Fall“, der diesen Lebensweg begleitet, der vielfach verzweigt ist und dennoch in allen Teilen ein in sich geschlossenes, emotional aufwühlendes „großes Ganzes“ ergibt.

 

Wie der junge italienische Polizist zuvor zu einem linksradikalen Mann geworden war, warum Michele in seinen jungen Jahren vor Zynismus fast überlief und außer einer massiv lustorientierten Lebensweise wenig anderes interessant fand, wie aus diesem zynischen Polizisten dann ein innerlich verwundeter, mitgenommener Mann wurde, all dies erzählt Constantini nun in diesem zweiten Band von der Kindheit des Mannes an.

 

Und noch viel mehr.

Denn ebenso wie im ersten Fall bindet Constantini die Ereignisse dieses Buches in Libyen und Italien eng an die Korruption, die „mächtigen Männer“ im Hintergrund, die sich kaum je selber die Finger schmutzig machen, aber eine Spur des Blutes und der Sorge allein für das eigene Wohl hinter sich her ziehen.

Ungestraft. Fast.

 

Vom missbrauchenden Priester in Tripolis (eine kleine Geschichte zum Einstieg, scheinbar nur zur Demonstration der „Blutsbrüderschaft“ der vier Jungen gedacht. Aber man sollte bei Constantini nie die Folgen kleiner bis kleinster Begebenheiten unterschätzen) über den „Mann im Hintergrund“, der lybisches Öl für Italien zu sichern gedenkt bis hin zu Micheles Vater, dem „Ingenieur“ und seinem Großvater, italienische „Größen der Gesellschaft“ im Tripolis der 60er Jahre. Oder der Mann „vom Dienst“ in der Nachbarvilla, William Hunt mit seiner Familie. Die Tochter des Hauses, Laura, wird Michele innerlich tief treffen und für das Leben verwunden, fast ohne es zu beabsichtigen.

 

„Ich bin der unbegabte Sohn. Der sich prügelt und Tiere erschießt“.

 

Innere Befindlichkeiten und Wunden, die Constantini präzise und nachhallend schildert und damit die Grundatmosphäre des Romans von Beginn an fühlbar in den Raum setzt.

 

Oder der „Junge von der Tankstelle“, Nico, der mit Michele, Karim und Ahmed (den Söhnen eines Angestellten) sich eng verbindet. Und doch wird aus dieser Blutsbrüderschaft Mord und Totschlag entstehen, Härte und Brutalität.

Momente, die Constantini zunächst hintergründig, langsam, sehr geschickt andeutet mit dem, was in der Jauchegrube hinter dem Haus gefunden werden wird. Auch dies wirkt zunächst nebensächlich, wird aber seine Spur über mehr als 20 Jahre hinweg hinterlassen.

 

Wie auch, fast über allem anderen, das Geschehen um seine Mutter Michele nicht loslassen wird und vielleicht der entscheidende Grund für seine innere Radikalität ist.

 

„Das also ist die Welt, in der ich aufwachse. Manche Menschen sind nicht mehr wert als Affen“.

 

Immer wieder streut Constantini dabei kleine Sequenzen ein, in denen aus der Gegenwart heraus deutlich wird, wie sehr sich die Ereignisse zuziehen werden (im wahrsten Sinne des Wortes um zwei Hälse herum, einen großen und einen kleinen Hals).

 

Der erste Krieg zwischen Arabien und Israel, der Aufstieg Gaddafis, die „schmutzigen Hände des eigenen Vaters“, ein Attentatsversuch, durchschnittene Kehlen, eine (unfreiwillige) Abkehr von all dem, eine innere Rastlosigkeit und die wichtige Unterscheidung, welche Ohnmacht man angesichts der Verhältnisse anzunehmen hat und welche Ohnmacht man mit aller Macht bekämpfen sollte (und kann), in all seinen Personen, die Constantini mit hoher Differenzierung anlegt und denen er ausführlich bis ins Innerste hinein folgt, verweist er auf den Zustand der Welt in ihrer korrupten Seite, auf  Drahtziehern im Hintergrund, die natürlich nicht Krieg führen würden, aber überaus geschickt „Krieg führen lassen“.

 

„Meine alten Feinde konnten ihre Machenschaften also ganz in Ruhe fortführen und neue Projekte planen“.

 

Dennoch aber ist der Kampf nicht sinnlos, ist es notwendig, im Kleinen zumindest für die mögliche Gerechtigkeit zu sorgen, das wird Michele klar und klarer im Verlauf jener Morde, die er in Rom zu bearbeiten hat und die immer mehr ihre Spuren in die Vergangenheit (auch in seine eigene ) aufweisen werden.

 

Und verweist daneben auf den persönlichen Verrat, die Brüchigkeit von Beziehungen und wie man sich in  Menschen täuschen kann, in jeder Richtung.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte, auch sprachlich ausgereifte Lektüre, die viel Vorfreude auf den dritten Teil der Trilogie hervorruft.

 

M.Lehmann-Pape 2014