Klett-Cotta 2012
Klett-Cotta 2012

Roger Smith – Stiller Tod

 

Harter Stoff

 

„Erstmal sehen, was passiert, Bruder. Mal sehen, was passiert“.

 

Vor allem erstmal sehen, ob es einen Vorteil herauszuschlagen gibt, ob man nicht zwischen Mühlsteine geraten könnte, ob man sich besser heraushält (zum eigenen Vorteil) oder besser mitmischt (zum eigenen Vorteil, natürlich).

 

Eine Haltung „zum eigenen Vorteil“, die Vernon Saul, Ex-Cop und nun Sicherheitsmann in Südafrika in Fleisch und Blut übergegangen ist. Falls er nicht irgendwann sogar so geboren worden sein sollte. Einen Sympathieträger findet der Leser in Vernon zumindest nicht. Zynisch, hart, auf seinen Vorteil bedacht, Menschen (vor allem Frauen) bedeuten ihm nur in der Hinsicht etwas, als er sie entweder zu seinen Zwecken benutzt oder sich an ihnen gütlich tun kann. Wobei Rasse und Alter keine Rolle spielen, er auch vor Kindern nicht halt machen würde, wenn es ihm nützen könnte.

Ob seine physische Impotenz einen tieferen Grund für dieses verachtende Verhalten darstellt? So schaut er ohne Einzugreifen zu, wie ein kleines Mädchen abrutscht, als es seinem Spielzeugsegelschiff nachjagt und in den Fluten des Pazifik versinkt. Tot.

Irgendetwas in Vernon, dem Ex-Cop und nunmehrigen Sicherheitsmann wollte vielleicht noch „den Helden spielen“ (zum eigenen Vorteil, natürlich), aber „erstmal abwarten, Bruder.“

 

Tot ist Sunny, Tochter von Nick Exley, an ihrem eigenen Geburtstag ertrunken, weil ihr Vater benebelt von einem Joint das alles gar nicht mitbekam, draußen, vor dem Haus im lockeren Gespräch. Während seine Frau Caroline im Inneren des Hauses just zu diesem Zeitpunkt unterdrückt stöhnt vor Lust. Ganz schnell, nebenbei, ihr Mann soll ja  nicht unbedingt mitbekommen, dass da ein anderer, durchaus ein Freund des Ehepaares, wortwörtlich „seine Finge im Spiel hat“.

 

Beziehungen, Egoismen, denen nicht nur Sunny zum Opfer fällt, weil der eine, der es sieht, keine großen Anstalten unternimmt, einzuschreiten. Später dann aber schon, denn Vernon erkennt eine Chance. Und wenn er etwas bestens versteht, dann ist es, Chancen zu nutzen.

 

Dieser nun verzweifelte, durchaus vermögende Vater, aus dem kann er etwas herausholen.

Und so nutzt Vernon Saul den gebrochenen Zustand des Vaters, um sich in dessen Leben einzunisten, sich als Hilfe anzubieten und, Seite für Seite, mehr Kontrolle über Exley zu erlangen. Wie er schon als Kind Härte zeigt, vor Blut und Totschlag nicht zurückschreckte, auch nicht dem eigenen Vater gegenüber. Vernon Saul ist, mit Verlaub, ein verkommener Charakter. Von klein an. Macht über andere, sie beherrschen, sie für sich laufen zu lassen, dass ist sein Lebenselixier, in welchem er nun auch  Exley gegenüber schwelgt.

 

In einer Welt, die von blinder Leidenschaft, Gewalt, Mord und Härte gekennzeichnet ist. Im Großen Südafrikas wie im kleinen der „Binnenwelt“ der beteiligten Personen. Eine ganze Reihe von Toten wird den Weg des Buches noch säumen und immer wird Vernon Saul als Dreh- und Angelpunkt dieser Gewalt vorhanden sein, um seinen Vorteil daraus zu ziehen. Da schreckt er auch vor Entführung und Erpressung niederster Natur nicht zurück.

 

In den Bann gezogen ist der Leser dennoch des Öfteren versucht, sich mit Abscheu von all diesen Ereignissen abzuwenden. Was aber bei der Stange hält ist die Frage, ob es Nick Exley auf eine fast wundersame Weise nicht doch gelingen kann, sich den Fängen dieses sadistisch-manipulativen Scheusals zu entziehen. Bis zum ebenfalls harten, blutigen Finale hin wird diese Frage drängend im Raume verbleiben und von den hervorragend und differenziert gezeichneten Figuren überzeugend getragen werden.

 

Roger Smith hat einen beinharten Thriller vorgelegt, der es an menschlicher Abgründigkeit nicht fehlen lässt und in dem Gewalt und rücksichtslose Manipulation als brutales „Lebenselixier“ an der Tagesordnung ist. Nichts für schwache Nerven, aber überzeugend aufgebaut, aus den verschiedenen Perspektiven intensiv erzählt und mit genügend überraschenden Wendungen und emotionalen Zerrüttungen versehen, um durchgehend zu fesseln.

 

M.Lehmann-Pape 2012