Heyne 2012
Heyne 2012

Ryan David Jahn – Der Cop

 

Metamorphosen

 

Eigentlich ist er einfach nur noch ein ganz einfacher, angestellter Bediensteter. Noch nicht mal „an der Front“, sondern er bedient den Funk, nimmt Anrufe entgegen und schickt die anderen „echten“ Cops je vor Ort.

 

Und er ist ein „beschädigter“ Mann und Mensch mit nur einem Freund, wie sich erst viel später zeigen wird. Vor 7 Jahren verschwand seine Tochter, seine Ehe ging in die Brüche und mehr als nach Dienstende einsam mit je genau 6 Flaschen Guiness in seinem trostlosen Appartement zu sitzen, geschieht nicht mehr in seinem Leben.

 

Bis er eines Tages einen Notruf entgegen nimmt, der sein Leben völlig verändern wird, der in ihm eine Seite zum Vorschein bringen wird, die er selbst nie für möglich gehalten hätte. Seine verschollene Tochter ruft durch den Hörer um Hilfe.

Bevor sie aber genaueres sagen kann, hat ihr Kidnapper sie bereits wieder „eingefangen“.

 

Doch nun macht sich Ian Hunt auf und  nichts wird ihn aufhalten, seine Tochter zu befreien. Weder, dass er zum Folterer werden könnte noch zum Mörder noch eigene Wunden, die ihm vielleicht zugefügt werden könnten. Wie brutal für ihn, feststellen zu müssen, dass seine Tochter nie weit weg war in diesem kleinen, eigentlich doch überschaubaren Ort, an dem Hunt lebt. Ein Ort, an dem keiner etwas sehen oder mitbekommen will, ein Ort, an dem das Leben oberflächlich vor sich hin läuft, hinter der Fassade aber ein trostloses, teils „ver-rücktes“ Leben zu finden sein wird.

 

Ohne große emotionale Schlenker erzählt Jahn in einfachen Sätzen knallhart und in Teilen durchaus mit brutaler Gewalt seine Geschichte der Jagd des Vaters nach seiner Tochter. Geschickt wechselt Jahn hierbei stetig die Perspektiven zwischen Ian Hunt, zwischen Maggie, seiner Tochter, zwischen den Entführern und anderen Figuren der Geschichte, so dass der Leser jederzeit die aktuellen Geschehnisse aus allen Perspektiven heraus vor Augen hat. Und tatsächlich beginnt, zu verstehen, wie trostlos es in manchen Menschen innerlich aussieht und wie wenig echter Sinn für viele im Leben zu finden ist.

 

So bleibt weder die Sympathie für Ian Hunt ungebrochen im Raum, aber auch nicht die klare Antipathie, ja, fast der Ekel, was den Entführer angeht. In den „Helden“ des Buches schlummert ebenso das gewalttätige Tier, wie in den Gegenpolen durchaus Mitleid durchschimmern könnte (auch wenn sich das letztlich in Grenzen halten wird).

 

Das „ein Mann sieht rot“ in seiner Grundkonstruktion der Selbstjustiz hier Pate gestanden haben könnte, ergibt sich zumindest aus der Grundhaltung und den Handlungen Ian Hunts. Politisch in keiner Weise korrekt, im Zusammenhang der Persönlichkeit Hunts aber sehr nachvollziehbar angelegt. Wie aber auch die Abgründe bei den Entführern mit ihren drastischen Folgen (die weit über die konkrete „Gefangene „Maggie hinausgehen) nicht „einfach so“ im Raume stehen, sondern ebenfalls ihre Geschichte haben.

 

Hart und direkt bietet Jahn eine klar strukturierte und temporeiche Geschichte. Die allerdings durchaus in weiten Teilen vorhersehbar sich darstellt und der es an überraschenden Wendungen daher fehlt. Echte Spannung und je neue Einsichten legt Jahn nicht in den Ablauf seines Thrillers hinein, wohl aber überzeugende Figuren und eine allseitige menschliche Tristesse, die durchaus beim Leser nachwirkt .

 

M.Lehmann-Pape 2012