Heyne 2013
Heyne 2013

Sabine Thiesler – Bewusstlos

 

Eine tödliche, verwundete Seele

 

Raffaels Leben war als Kind symbiotisch, schön, wunderbar. Mit seiner Zwillingsschwester Svenja. Aber dies gilt nur für die ersten Jahre. Als Raffael 7 Jahre alt ist, geschieht ein unfassbares Unglück. Und alles wird anders, bis dahin, das ebenjener Raffael aus einem Internat später einfach verschwindet und 10 Jahre nicht mehr gesehen ward.

Zu einer Zeit, als seine Eltern innerlich schon längst aufgegeben hatten, ihren ehemaligen Sonnenschein noch einmal innerlich zu erreichen. Ein wenig real wirkender Ausgangspunkt (wer würde in traumatisiertes Kind einfach fallen lassen? Egal, wie schwierig die Probleme auch werden), den Thiesler dennoch relativ überzeugend  in den Raum zu setzen vermag.

 

Und  Raffael vergisst nicht. In seiner geschädigten Seele legt er sich die Schuld für das damalige Unglück schon zurecht. Weil der Vater nicht kam, weil der Vater ihn im Stich gelassen hat, nur darum ist alles spätere so geschehen, wie es geschehen ist.

 

Und nun trifft der Leser ebenjenen Raffael in Berlin wieder, wie er gerade aufwacht. In seiner Kleidung mit einem gewaltigen Filmriss. Seine Kleidung ist blutüberströmt, sein geliebtes Springmesser nicht mehr zu finden und er selbst, zur Untermiete bei einer einsamen, alten Frau lebend, kann sich das alles überhaupt nicht erklären.

 

Nicht nur hier gibt Sabine Thiesler dem Leser einen gewissen Wissensvorsprung. Darüber, dass die unstete, aggressive Seite in Raffael jederzeit explodieren kann. Dass er in einer kruden Logik sich alles zurecht legt und damit eine hohe Gefahr für alle seine Mitmenschen darstellt. Vertraute Mitmenschen ebenso, wie Zufallsbekanntschaften gegenüber.

 

Die Entwicklung bis dahin vollzieht Thiesler dabei sorgfältig und nachvollziehbar nach. Auch wenn die Durchmischung von Mord im Affekt, Amnesie, Kindesmissbrauch, „Spiel mir das Lied vom Tod“, Vergewaltigung und Rachegelüste doch einfach auch erschlägt und, letztlich, zuviel des Guten darstellt. Ihren Raffael begleitet Thiesler intensiv und in allen Verzweigungen seiner verletzten Seele und seines irrationalen Denkens.

 

Eine Entwicklung, die Thiesler detailliert nachvollzieht. Bei der Arbeit, als Raffael die Nagelpistole zweckentfremdet, in der Kneipe, wo er sich von einer hübschen Frau einfach nimmt, was er gerade will, gegenüber seinen Eltern, die ein neues, erfolgreiches Leben in Italien aufgebaut haben, gegenüber seiner alten Vermieterin, die sich zunächst über den jungen Mann und das neue Leben in der einsamen Wohnung freut.

 

So manche Erzählstränge aber „drum herum“ versickern doch gehörig vor sich hin. Die Ermittlungen zu einem Mord in Berlin verlaufen merkwürdig uninteressiert im Sande. Die goldene Hochzeit in Italien ist zwar an sich eine humorvolle Idee, was das aber genau mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat, bleibt leicht im Dunkeln. Wie so manch andere „Nebengeschichte“ zwar flüssig erzählt, aber in ihrer Bedeutung für das eigentliche Geschehen nicht klar erkennbar wird.

 

Gut gelungen demgegenüber ist die eigentliche Auseinandersetzung Raffaels mit sich selbst und mit seinen Eltern, spürbar und fassbar steht die Bedrohung, die von Raffael ausgeht und die jederzeit unmotiviert ausbrechen kann im Raum. Ob aufgrund dessen das Buch nun aber als „Thriller“ bezeichnet werden kann oder eher als „dunkle Belletristik“ mit allen Fehltritten, die nur denkbar sind und dies sich in und um Raffael vereinigen (vom untreuen Vater bis zum fingernden Internatsdirektor), auch das ist nicht einfach zu entscheiden.

 

Alles in allem eine flüssig erzählte Geschichte mit einigen Sackgassen und Einbahnstrassen, die eher verwirren, als die Geschichte voranbringen.  Mit einer deutlich überladenen „Rundum Belastung“ der Hauptperson. In und um die Hauptperson selber aber spannend und bedrohlich gestaltet mit einem, zwar vorhersehbaren, aber dennoch packenden Ende.

 

M.Lehmann-Pape 2013