Heyne 2017
Heyne 2017

Sabine Thiesler – Nachts in meinem Haus

 

Flüssig und unterhaltsam, aber überkonstruiert

 

Rasant beginnt der neue Thriller von Sabine Thiesler. Als Tom Simon, Kunstmaler mit durchaus Erfolg und, wie der Leser später erfahren wird (und warum), an sich finanziell überaus unabhängig, seine Frau zum Flughafen bringt, die für eine Woche auswärts Arbeit zu erledigen hat.

 

Und umgehend danach sein Handy zückt. Bei aller Liebe zu seiner Frau (die durchaus ernsthaft vorhanden ist), da steht noch etwas anderes, Erfreuliches für ihn im Raum.

 

Doch der Abend und die Nacht werden sich in einer Art und Weise entwickeln, die das gesamte Leben des impulsiven Mannes völlig aus der Bahn werfen wird. Als er im Schlafzimmer bei einem Stromausfall Geräusche aus dem Erdgeschoss hört und, später, fluchtartig Hamburg verlassen muss, um unerkannt in einem kleinen toskanischen Dorf Zuflucht zu suchen.

 

Ein starker Anfang im Übrigen, nach dem das Werk aber im Lauf der Lektüre doch mehrfach in den Personen selbst und in den diversen Erzählfäden zerfastert.

 

Im festen Vertrauen auf seinen Anwalt und besten Freund. Dumm nur, dass Tom einer ist, der zunächst an die Befriedigung seiner impulsiven Interessen und Gelüste denkt. Immer schon und in jeder Situation und sich erst nachher Gedanken um die Wichtigkeit und den Wert von Freundschaften machen wird.

 

Wobei Thiesler diese „menschlichen Abgründe“ beredt und lebendig zu schildern versteht, so dass der Leser die Personen überaus plastisch vor Augen hat während der Lektüre, andererseits allerdings viele Erzählfäden mit hineinbringt und auch eine gewisse unlogische Sprunghaftigkeit im Handeln der Personen, die teilweise eher verwirrend denn in sich schlüssig vorliegt. Zumindest ereignet sich nicht selten ein extreme Schwanken zwischen einer klaren Planung und dann massivem Zurückschrecken oder umgekehrt. Zweifler werden zu „kalten“ Tätern, kühl Berechnende zu Mimosen, um dann doch mit ganzem Gewicht sich auf den Körper einer unschuldigen, vom Leben eigentlich schon genug gestraften Frau zu werfen.

 

Was zudem die Einschübe von „Schicksalsberichten“ eines italienischen Carabinieri mit seinen ausführlich erläuterten Eheproblemen genau im Buch soll, was eine „Verfluchung“ austrägt, die zwar irgendwie zum Tragen kommt, aber letztlich keinen „Grusel“ und keine vordergründige Rolle spielen wird, das erschließt sich im Lauf der Lektüre nur kaum.

 

So verbleibt einerseits eine Abfolge von teils unglaubwürdigen, teils realistisch und temporeich geschilderten Abläufen, eine flüssige und anregende Erzählform, mit der aber ziemlich dick an Dramen (eine Prostituierte, die aus dem Leben „fällt“, eine tödliche Erkrankung im Freundeskreis, ein Leben als „Nachtschattengewächs“, eine deprimierend zunächst endende Ehe und eine ebenso deprimierend dann endende Liaison, ein Straßenmusiker, der wie gerufen kommt und, zufällig, alle Voraussetzungen mitbringt, die man in dieser Geschichte als „Opfer“ braucht und so manches mehr, was einen zwiespältigen Eindruck am Ende der Lektüre hinterlässt.

 

Erzählfäden, die zwar gut erzählt, aber inhaltlich nicht nötig sind und Konstruktionen in den vielfachen Wendungen, die zwar immer wieder für neue Ansätze sorgen, in sich aber teils doch arg unglaubwürdig vorliegen.

 

 

Alles in allem eine flüssige Unterhaltung, aber nicht unbedingt mehr und hier und da auch mit verwirrenden Entfaltungen und merkwürdigen Einschüben.

 

M.Lehmann-Pape 2017