Atrium 2013
Atrium 2013

Sam Millar – Die Bestien von Belfast

 

Klar, hart, überzeugend

 

Ein harter Zyniker, bitter ironisch, das ist Karl Kane. Privatdetektiv in Belfast. Geschieden. Ehemals verschwägert mit einem ebenso harten Knochen im aktiven Polizeidienst (dessen Team schon auf den ersten Blick so einiges zu wünschen übrig lässt). Bestens befreundet mit dem Pathologen der Stadt. Und dabei, mit seiner deutlich jüngeren Assistentin die erotischen Gefilde noch einmal neu zu entdecken. Verhinderter Schriftsteller. Dauerpleite. Ermittelnd.

 

Und das alles trotz massiver Belästigung durch Hämorrhoiden. Die später von einem Arzt untersucht werden, welcher sich auf einen der (wie immer gnadenlos) daneben liegenden Tipps von Kane für ein Pferderennen verlassen hatte. Und mit Begeisterung sich an die medizinische Untersuchung macht.

Dabei hat  Kane an sich schon alle Hände voll zu tun hat, für seinen neuen Kunden Informationen zu bestialisch grausamen Morden heranzuschaffen. Und dabei späterhin beweisen wird, dass er auch eine Moral hinter all dem misanthropischen Zynismus besitzt.

 

So „begeistert“ vollführt übrigens der Arzt seine Untersuchung, dass der ketten rauchende Privatermittler umgehend an Nikotinpflastern nun lutschen wird.

 

In klarer, bildkräftiger Sprache ohne jeden Schnörkel, führt der ehemalige (und verurteilte) Räuber Sam Millar seine neue Figur in das Genre des Kriminalromans ein. Ein Roman, dessen „Fall“ von Beginn an in seinen Grundzügen klar ist. Rache steht im Raum für ein brutales, in allen Einzelheiten geschildertes, Vergehen an einer jungen Frau.

 

Wer aber innerhalb der in der Gegenwart sich vollziehenden Ereignisse wer ist, welche gegenwärtige Figur, die im  Prolog in dieser brachial-blutigen Weise vor Augen geführt werden, sich nun hinter neuen Namen versteckt, das ist die eigentliche Frage, die den Leser mit Spannung bei der Stange hält.

 

Vor allem, weil schon die ersten Seiten in ihrer sprachlichen Klarheit zeigen, dass hier ein Autor schreibt, der kein Blatt vor den Mund zu nehmen gedenkt und den Leser von den ersten Sätzen an mitten hineinzieht in das Erleben dieses nur noch leicht röchelnden Etwas, das die Jugendbande missbraucht und zerschlagen auf dem Boden liegen lässt. Bis die wilden Hunde kommen, langsam sich nähern, nachdem die Ameisen in dem noch lebenden Körper bereits ihr Werk begonnen haben.

 

„Keine Panik. Du lebst. Im Augenblick zählt einzig und alleine das“. Und später wird noch mehr bedeutsam werden, als ein Mann nach dem anderen über ein Jahrzehnt später gefoltert und hingerichtet werden wird. Und für Kane lange nicht klar sein wird, wer Freund und wer Feind ist in diesem hintergründigen Spiel der verdeckten Identitäten.

 

Seite für Seite treibt Millar dabei seine Geschichte mit Tempo voran und erzeugt eine intensive und harte Atmosphäre im Geschehen und den Dialogen.

 

„Erinnerst Du Dich an die amputierten Hände im Magen des Wildschweins“?

„Wie könnte ich die vergessen? Seitdem ist ein Schinkensandwich einfach nicht mehr dasselbe“.

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre für Leser mit starken Nerven.

 

M.Lehmann-Pape 2013