Blanvalet 2012
Blanvalet 2012

Sandra Brown – Sündige Gier

 

Fast perfekte Morde

 

Derek Mitchell ist erfolgreicher Anwalt und liebt seinen Beruf, seine Kanzlei und seinen Hund Maggie gleichermaßen. Ein harter Fall geht ihm zur Zeit durch den Sinn, auf dem Rückflug von Paris, wo er in privaten Angelegenheiten zu tun hatte. Wenige Augenblicke später allerdings geht ihm eine attraktive Mitreisende viel eher durch den Sinn. Blicke, eine Kontaktaufnahme, die nicht nur vielversprechend sich anlassen, sondern auch zu einem hitzigen Miteinander über den Wolken führen werden.

 

Doch am nächsten Morgen muss er mit einer unvermittelten kühlen Distanz fertig werden und stellt im Laufe des Tages fest, dass seine Mitreisende nicht irgendeine Frau war. Sondern die Freundin, wohl Geliebte eines der bekanntesten Männer der Stadt. Der brutal im Beisein jener Julie in einem Hotelfahrstuhl vor einigen Tagen, als Mitchell in Paris weilt, erschossen wurde.

 

Was nun der hautnahe Kontakt im Flugzeug bezweckte, auch das wird ihm bald klar, als Bruder, Schwägerin und Neffe des Ermordeten sich Mitchells Dienste als Anwalt sichern wollen und dieser sich in der Zwickmühle einer Befangenheit befindet, denn er hatte allzu engen Kontakt mit Julie, der „anderen“ Partei.

 

Erst langsam lichten sich die Verhältnisse, erst langsam wird deutlich, dass der Mord kein einfacher und zufälliger Raubüberfall war und das sowohl Creighton, der Neffe des Opfers als auch Julie, seine vermeintliche Geliebte, ein starkes Motiv besaßen, den Mann aus dem Weg zu räumen ob eines anstehenden, riesigen Erbes. Auch wenn Mitchell das Mandat ablehnt, immer tiefer verstrickt sich Mitchell in den Fall, spürt, dass er emotional immer stärker beteiligt ist. Auch wenn er glauben will, dass Julie das Opfer und nicht die Täterin ist, auch wenn er eine spontane Abneigung gegen Creighton entwickelt, die Indizien sind einfach nicht klar. Und welche Rolle die Filmleidenschaft des Neffen Creighton in diesem Fall spielt, auch dass wird ihm fast zu spät und auf brutale Art und Weise deutlich.

 

Durchaus spannend und hintersinnig angelegt bringt Sandra Brown ihren neuen Thriller voran und legt intensiven Wert darauf, die handelnden Personen auch in ihrer Persönlichkeit fassbar vor die Augen des Lesers zu stellen. Ein wenig zu stereotyp, auch was die Nebenfiguren des privaten Ermittlers und der ermittelnden Polizisten angeht, wie ebenso die beiden eigentlichen Hauptpersonen des Romans letztlich doch eindeutig zuzuordnen sind, was aber der Spannung des Buches keinen Abbruch verschafft.

 

Schon etwa in der Mitte der Geschichte löst sich der eigentliche Fall und die Schuldfrage scheint geklärt. Dennoch gelingt es Brown gerade im zweiten Teil auf die sonst in Thrillern fast üblich gewordenen Drehungen, Wendungen und, vor allem, massive überraschende neue Erkenntnisse fast gänzlich zu verzichten und aus der Frage des ersten Teils des Buches, wer hinter dem Verbrechen steckt, eine spannende und atmosphärisch knisternde Jagd auf einen fast nicht zu überführenden und sehr gefährlichen Täter zu kreieren.

 

Neben einiger Längen und nicht weiter verfolgten, kleineren Handlungssträngen (wie des ein oder anderen Falles und Klienten Derek Mitchells, die eher unvermittelt im Buch auftauchen und wieder verschwinden) bietet das Buch solide Unterhaltung, die im ausführlichen zweiten Teil weniger die Frage nach dem Täter, sondern nach dessen Überführung in den Mittelpunkt des Geschehens stellt.

 

M.Lehmann-Pape 2012