dtv 2011
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Sandra Lübkes - Taubenkrieg

 

Mord und Rocker

 

Erst wenn man nach Lesen der ersten Seiten weiß, dass die mit im Mittelpunkt der Ermittlungen stehende Gruppierung der „Devil Doves“ (Teufelstauben) eine beinharte Rockergruppierung nach Gusto der Hells Angels oder Bandidos ist, macht der Titel des Buches plötzlich Sinn. Denn ein Krieg unter rivalisierenden Rockerbanden steht im Raum.

 

Vor allem aber steht im Raum, dass das Clubgelände der Devil Doves in Schwerin verwüstet wurde und in einem der Räume eine große Blutlache den Boden verunziert. Die inzwischen aus diversen Büchern der Autorin bekannte Wencke Tydmers, Profilerin beim LKA in Hannover, ist eigentlich nur kurz vor Ort. Am nächsten Tag starten die Sommerferien mit ihrem neunjährigen Sohn Emil und mehr als eine erste Auswertung der Spuren und die Erstellung eines Tatprofils steht nicht im Raum. Darauf legt Tydmers hohen Wert, denn auch im Privaten braucht sie Auszeit, einen gewissen Abstand in ihrer unausgegorenen Liaison mit ihrem verheirateten Kollegen Axel. Da sie auch noch an dem folgenschweren Unfall seiner Frau zumindest mit beteiligt war, ergibt sich ein emotionales Wirrwarr, dem Tydmers gerne für eine Weile entweichen würde.

Eigentlich.

 

Denn natürlich kommt es anders. Ihr Profil findet wenig Respekt, alle Ermittlungsbehörden versteifen sich auf den Krieg der Rocker und nicht, wie Tydmers es annimmt, auf eine Beziehungstat. Nachdem die Identität der verschwundenen Leiche per DNA geklärt ist, erhält Tydmers allerdings intern von ihrer (eher verhassten denn gelibeten) Vorgesetzten, die als eine der wenigen bereit ist, Tydmers These zu stützen, die Anfrage der Mitarbeit als Undercover Ermittlerin, die sie aus Karrieregründen nicht ablehnen kann. Tydmers wird in die Rockergruppe eingeschleust, ihren Sohn parkt sie für die Ferienzeit just bei Axel und seiner Familie, während in einem Seitenstrang der Geschichte langsam deutlich wird, dass noch andere Interessen und andere, familiäre Kräfte am Mord beteiligt sein könnten.

 

Eine Situation, die allseits offen lässt, was genau passiert ist und in der Wencke Tydmers mit der Zeit von vielen Seiten her Gefahren drohen. Von der Rockergruppe der Devil Doves. Von der konkurrierenden Gang. Von anderen, Außenstehenden, die durchaus mit dem Mord zu tun haben könnten.

 

In ihrer klaren Sprache und ihrem bestechend logischen Aufbau der Morduntersuchung gelingt Sandra Lübkes wieder einmal ein überzeugender Kriminalroman. Die Spannungsmomente sind gut gesetzt, überraschende Ereignisse wie der Überfall auf jenen Rocker, der Tydmers beschatten soll wechseln einander ab mit sich ankündigenden Gefahrenmomenten in Person des Patch Black der Gang, zu dem Tydmers sich gar hingezogen fühlt. Die Darstellung der Hauptfigur Tydmers als Frau mit Ecken und Kanten, Tiefen und auch einigen nicht rundweg sympathischen Eigenschaften (der Umgang mit Axels Frau zeigt auf, dass mindestens zwei Seelen in ihrer Brust schlagen) führt zu einer erkennbaren Realitätsnähe, die  durch die differenzierte Zeichnung aller Figuren zunimmt.

 

Eine intelligente Ermittlung und die lange offene Frage nach dem genauen Tathergang runden dieses anregende Krimierlebnis ab. Sicher nicht ganz auf der Höhe der Meister der Zunft, aber solide, intelligente und gute Unterhaltung allemal.

 

M.Lehmann-Pape 2011