dtv 2011
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Sara J. Henry – Ein Herzschlag bis zum Tode

 

Mutterliebe ohne Mutterschaft

 

Sieht man von der inhaltlichen Begründung der Handlungsweise der Protagonistin einmal ab (trotz aller Erklärungsansätze der Autorin bleibt diese Grundlage, auf der sich die Geschichte entwickelt, einfach surreal. Niemand bei einigermaßen klaren Verstand würde in dieser Form handeln) und akzeptiert man denn somit die Voraussetzung, dass Troy Chance , freiberufliche Journalistin in Lake Placid mit durchaus eigenwilligem Lebensstil zum einen den kleinen Jungen aus den Fluten Paul aus den Fluten des Sees rettet (in die er von einer Fähre mit zusammengebundenen Händen geworfen wurde) und zum anderen dieses Kind quasi umgehend „privat“ weiter betreut und emotional umgehend eine intensive Bindung zum Kind aufbaut, dann eröffnet sich ein spannender Thriller mit durchaus origineller Grundidee, der auf den gut 350 Seiten eine Menge Qualitäten aufzuweisen hat.

 

Troy gewinnt mehr und mehr das Vertrauen des kleinen Paul, erfährt, der dieser mit seiner Mutter entführt wurde und seine Mutter wohl im Nebenraum von den Entführern erschossen wurde (gesehen hat er nicht mit eigenen Augen). Auf eigene Faust, ohne die Polizei einzuschalten, macht sich Troy auf die Suche nach dem Vater, findet diesen, bringt die kleine Familie wieder zusammen und wird umgehend eingeladen, im neuen Haus des Vaters in Ottawa eine Zeit zu verbringen, um dem kleinen Paul zunächst eine weitere Stütze zu sein.

 

Was hier nach gut 100 Seiten im Buch bereits wirkt wie das fröhliche Ende einer gefährlichen Rettung, entpuppt sich dann aber erst als der Anfang eine dramatischen und immer gefährlicher werdenden Fortgangs.

 

„Die Menschen wollen schlimme Dinge gewöhnlich nicht wahrhaben, sie verdrängen sie“. Und tatsächlich findet diese Binsenweisheit Widerhall im weiteren Verlauf der Geschichte. Gut, dass Troy eine ganze Reihe äußerst patenter und mit ihr verbundener Freunde besitzt. Alte und neue Freunde, die Troy sehr nötig noch brauchen wird, als sich die unglaublichen Hintergründe der Entführung und der versuchten Ermordung des kleinen Paul langsam lichten.

 

Rasant und flüssig geschrieben, ohne den notwendigen, biographischen Hintergrund ihrer Protagonisten zu vernachlässigen, setzt Sara J. Jane mit der Person der Troy Chance eine moderne, mit Macken versehene, starke Frau in den Mittelpunkt des Geschehens, an der sehr gut ablesbar ist, wie sehr ein Mensch über sich hinauswachsen kann, wenn er gefordert wird. Troy, die nur mäßig zu schwimmen versteht zeigt schon in der Eröffnungssequenz, wie zäh sie sich durchzubeißen versteht. Sei es durch die Fluten des Sees, den sie mit Paul im Arm schwimmend überleben muss, sei es später Angesichts auch persönlicher Gefahren durch andere Beteiligte für Sie und Paul.

 

Mit einigen, wenigen eher konstruiert wirkenden „Verbiegungen“ versehen ein durchweg interessantes Leseerlebnis, in dem die handelnden Personen mit realistischen Differenzierungen und Tiefen versehen sind und die Geschichte selber durchaus kreativ anders als gewohnt daherkommt. Mit leichten Abstrichen empfehlenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2011