Blanvalet 2015
Blanvalet 2015

Silja Ukena – Der Eismann

 

In düsterer Atmosphäre

 

Es ist nicht nur, weil es eiskalt im Berlin dieses Thrillers ist, nicht nur, weil die Tage kurz und die Dämmerung endlos erscheint, dass es Ukena gelingt, um ihren Kommissar Bruno Kahn herum eine durchweg düstere, bedrohliche Atmosphäre zu kreieren.

 

Der Mann selbst scheint ein stückweit aus der Zeit, aus dem Leben gefallen, eine dunkle Bindungslosigkeit in sich zu tragen und oft genug mit dem Gefühl ringen zu müssen, in nicht allzu ferner Zukunft ein einsamer, zurückgelassener, der Welt fremd gegenüber stehender alter Mann zu werden.

 

Doch bevor dies geschieht (und wer weiß, was sich im Lauf der Ereignisse noch alles an möglichen Bindungen ergeben könnte), sieht sich Kahn mit einigen außergewöhnlichen Morden konfrontiert, deren Täter außer der Art des Mordens an sich keine weiteren verwertbaren Spuren, von Zeugen ganz zu schweigen, hinterlässt.

 

Zunächst ein alter Mann in einer Laube. Dann eine ältere Frau mit einem Sturz aus dem Fenster, dann ein weiterer alter Mann, ganz woanders. Aber ebenso tot.

 

Und mitten drin ein Ermittler, der moderner, digitaler Technik mit wenig Affinität gegenübersteht, der Sitzungen, Treffen, Konferenzen nichts abgewinnen kann, der seiner neuen, ihm zugeteilten Mitarbeiterin (wie allen, die er nicht kennt) zunächst äußerst reserviert gegenüber steht. Der mit seiner eingeschworenen Truppe von Mordermittlern, von denen jeder seine ganz eigenen Marotten offen lebt, sich auf den Weg verschlungener Ermittlungen macht.

 

Und es wird dauern, bis erste Zeichen am Horizont erscheinen, die zumindest eine grobe Richtung zu einem möglichen Motiv hinter den Morden weisen.

 

„Ein ganzes Leben lag dort vor ihnen ausgebreitet, an manchen Stellen geordnet mit Namen, Datum und Ort versehen, an anderen war für diese Details keine Zeit gewesen“.

 

Ein Leben von mehreren, deren Verbindungen weit in die Vergangenheit zurückreichen. Eine auch innerlich kalte Vergangenheit, die Opfer gekostet hat. Und das nicht zu knapp.

 

Mehr durchs eine Intuition, denn durch handfeste Fakten geleitet entwirrt Kahn auf seine unnachahmliche Art die Fäden der alten Geschichte bis hin zum Finale mit der überraschenden Entlarvung des Täters, die Kahn selbst in Gefahr bringen wird.

 

Viel wert legt Ukena auf die Darstellung ihrer Figuren und deren Verhältnis zueinander, an einigen Stellen führt dies dann doch zu gefühlten Längen im Ablauf der Ereignisse. Auch wird ein ganzer Erzählstrang (um einen Mann, der auf Anhieb den Vorgesetzten Kahns äußerst verdächtig erscheint) etwa nach zwei Dritteln des Buches nicht mehr weitergeführt, verliert sich in den voranschreitenden Ermittlungen an anderer Stelle und bleibt im Nachhinein so doch als sehr unverbundener Erzählfaden in der Luft.

 

Atmosphärisch aber und, vor allem, was die Figur des Bruno Kahn angeht, legt Ukena einen originären Thriller mit einer ganz eigenen Ermittlerfigur vor, dessen Lektüre man sich gerne hingibt und damit auch Berlin noch einmal aus ganz anderer Perspektive zu Gesicht bekommt, Mitsamt einer Vergangenheit, die auch heute noch nicht restlos aufgearbeitet ist.


M.Lehmann-Pape 2015