Suhrkamp 2016
Suhrkamp 2016

Simone Buchholz – Blaue Nacht

 

Mit hervorragendem „Personal“

 

Nicht nur, dass es an vielen Stellen im Buch nicht mehr braucht als eine recht knappe, umgangssprachliche Sprache, es passt einfach auch herausragend gut in diese kurzen, knappen Dialoge, in dieses Netzwerk von Freunden, von denen jeder und jede eine ganz eigenständige, tiefe, mit Licht und Schatten versehene Persönlichkeit mit sich bringt, in dieses Netzwerk der degradierten Staatsanwältin Chastity Riley.

 

Die sich zwar eigentlich um gar nichts kümmern soll, die aber dennoch, natürlich, zumindest in sich selbst keine Ruhe gibt.

 

Lakonisch, lebenserfahren, vom Leben auch versehrt, keine Frage, so trifft Chastity auf „Joe“. Den Mann, der gründlich zusammengeschlagen wurde. Der aber nichts Näheres darüber zu erzählen gedenkt. Wie er da so liegt, geschient und eingegipst.

 

Doch so ganz langsam werden Verbindungslinien sichtbar. Die in Hamburg sich abspielen. In der dunklen, dreckigen, gefährlichen Seite der Stadt. Da, wo Clans das Sagen haben, wo ein Menschenleben nicht viel zählt, wo „Handwerker“ von außen eingeflogen werden, wenn in diesen Kreisen „zwischenmenschliche Probleme“ zu lösen gilt.

 

Da tut es doppelt gut, in dieser rauen und kalten Welt ein paar Menschen zu haben, auf die Verlass ist. Die einen abholen von der Landstraße, wenn man mal dachte, man müsse mal raus aus der Stadt, weil alle sagen, wie schön das Land so sei.

 

Da tut es auch gut, wenn die engsten Bekannten tatkräftig sind, nicht lange reden, sondern zupacken. Auch wenn es einen selbst betrifft und auch wenn man eigentlich im Keller der Bar nur Getränke holen wollte und da ein Bett an die Wand gemalt wird später. Damit es heimelig ist.

 

Mit einem filigranen Gefühl für die Gegenwart, für die Atmosphäre in dieser Stadt, für Existenzen, die wissen, was gescheitert heißt, darin aber nie verblieben wären. Die den Bruch der Liebe gerade erfahren haben (einer auf jeden Fall) und wie im geistigen Delirium nur noch vor sich hin stieren (solange der Kopf oben gehalten werden kann), die aber, wenn es eng wird, sich sofort noch einmal zusammenreißen.

 

Oder die, wie dieser pensionierte Kommissar, die manchen Fall sehr persönlich genommen haben und sich von einer gesetzlichen Pension nun wirklich nicht abhalten lassen werden, alte Akten endgültig schließen zu wollen.

 

Und dass mit aller Härte. Ohne mit der Wimper zu zucken. Wobei der „defekte“ Österreicher Joe im Krankenhausbett eine wichtige Rolle spielen könnte.

 

So real, so echt, so kühl, lakonisch, zerbrochen und daran auch hart geworden agiert Chastity und ihre Freunde (immer wieder mit kleinen Rückblenden, die sowohl die Personen noch näher aus deren Vergangenheit heraus erklären, wie auch dieser konkrete Fall durch diese Rückblenden unterfüttert wird), dass es eine wahre Freude (und eine spannende, teils harte Freude noch dazu) ist, diesem Thriller von der ersten bis zur letzten Seite zu folgen.

 

 

Mit diesem sehr bedauernden Gefühl am Ende, dass schon Schluss ist und der Hoffnung, dass es nicht zu lange dauert, wieder von Chastity, Faller, Calabretta, Rocco, Klassman, Carla und Joseph zu hören.

 

M.Lehmann-Pape 2016