S.Fischer 2015
S.Fischer 2015

Stefan Anheim – Herzsammler

 

Vielfach verschachtelter Fall

 

Allein schon, was die Ausgestaltung der Protagonisten angeht mitsamt deren Partnern und Familie, zeigt Anheim wieder einmal auf, dass er sich mit Stereotypen und einfachen Strukturen nicht zufrieden gibt.

 

Knirschende Beziehungen neben erstaunlich stabilen Beziehungen bei allem Streit im Alltag, Betrug und Kinder, die lieber nachts aus dem Fenster steigen, als Familienabende zu verbringen, die Frage nach dem, was wirklich ist, wem man wann vertrauen kann und das manches nicht so ist, wie es zunächst erscheint, dies ist das Motiv, dass sich vom Beziehungsleben der Figuren mühelos auf den Fall, besser gesagt zunächst die Fälle, überträgt.

 

Nicht immer einfach ist es für den Leser, den Überblick zu wahren. Wer nun genau wer ist und an welchem Fall er oder sie arbeitet, welcher Täter für welches Vergehen schuldig sein könnte und was eigentlich hinter all dem steckt.

 

Denn die verschiedenen Erzählfäden sind durchaus miteinander verbunden. Wie aber, das wird erst zum Ende hin des Buches mit dem ein oder anderen Indiz, der ein oder anderen Erkenntnis näher beleuchtet.

 

Zuvor schreibt ein Mann einen letzten Brief an seine Geliebte auf einem Gefangenentransport im Nahen Osten. Findet sich eine junge Frau, die nur zu einer Fruchtbarkeitsuntersuchung im Krankenhaus erscheint, festgeschnallt auf einem Operationstisch wieder und wird künstlich ernährt. In dieser dunklen Halle hinter dem Rolltor. Findet ein bekannter Moderator seine Ehefrau grässlich zugerichtet tot im Bett (nicht die einzige Szene im Buch, die in ihrer Ausgestaltung für nachhaltige Gänsehaut sorgt).

 

Währenddessen der schwedische Kommissar Fabian Risk diskret, aber mit aller Kraft einen buchstäblich „einfach so“ verschwundenen Minister sucht, seine Kollegin Malin unterstützt, so gut es geht (hochschwanger, wie sie ist) und seine (ihm unbekannte) dänische Kollegin Dunja dem Mord an besagter Ehefrau des Fernsehprominenten nachgeht (und dabei gleich auf der Suche nach diesem selbst sich befindet).

 

Fälle, die in sich zusammenhängen werden. Fälle, auf deren Ermittlungsweg eine ganze Reihe von Toten und Morden nach warten werden, Fälle, die in die Vergangenheit zurückreichen und eine ganz besonders abscheuliche Form „medizinischer Geschäfte“ ebenso aufdecken werden, wie die in Leben gerufenen Fantasien so manch verstörter Mitmenschen, die von aufwendig angespitzten Zähnen im eigenen Mund träumen.

 

An manchen Stellen werden die Ereignisse ein stückweit zu verworren, die ein oder andere „Begegnung“ (mit der Putzfrau im Krankenhaus oder dem Auffinden einer bestimmten Wohnung durch einen Zahnarztspiegel) wirken zu konstruiert in ihren plötzlichen Erkenntnissen und das Ende zieht sich doch ein stückweit zu lang dahin, um durchgehend die Spannung aufrecht zu erhalten.

 

Im Gesamten aber ein unterhaltsamer, klug angelegter Kriminalroman, der mit intensiv geschilderten Szenen dem Leser die Angst und das Entsetzen mancher der Figuren hautnah überträgt und, vor allem, das fassungslose Gefühl zurücklässt, dass es genau das geben könnte, was Ahnheim als wahren Hintergrund herausarbeitet.


M.Lehmann-Pape 2015