C.Bertelsmann 2013
C.Bertelsmann 2013

Stephen Dobyns – Das Fest der Schlangen

 

Hoch spannend und mit dichter Atmosphäre

 

Titel und Klappentext des Buches (und das ist dann auch so ziemlich die einzige Kritik am Buch) führen den Leser zwar nicht unbedingt in die Irre, bieten aber Impulse, die im Buch nicht allzu weit tragen.

 

Sicher, ein Neugeborenes verschwindet aus der Entbindungsstation des Krankenhauses von Brewster und an dessen Stelle lieg eine Schlange im Kinderbett. Diese aber ist, das wird umgehend klar, nicht „vom Himmel gefallen“, sondern das Haustier eines zehnjährigen Jungen (mit einem sehr interessanten Talent) und zum anderen ein recht harmloses Geschöpf. Warum aber das Kind verschwunden ist, das wird eine der Schlüsselfragen schon sein.

 

Denn Interessant ist die Reaktion der Mutter des Kleinen, die eher erleichtert ist, dass das Kind nicht mehr da ist. „Rosemaries Baby“, so klingt es durch das Krankenhauszimmer.

 

Ein weiterer Schlüssel zum Buch findet sich in einem kleinen Nebensatz, in dem Dobyns drei Werke von Stephen King anführt. „Cujo“, „Stark“ und „Shining“ werden benannt. Und die Grundmotive dieser Werke nimmt Dobyns durchaus für seine Geschichte auf, verfremdet sie in bester Weise und lässt diese roten Fäden einfließen in seine breite, wort- und assoziationsreiche Schilderung des Falles, der Stadt Brewster und ihrer Einwohner.

 

Statt eine tollwütigen Bernhardiners (Cujo) treibt ein Rudel Kojoten sein Unwesen. Aggressiv, schlau, die Kontrolle fast übernehmend. Könnten das „Gestaltwandler“ sein? Potter zweifelt, aber auch er steht angesichts des Verhaltens des Rudels vor einem Rätsel.

„„Ein Spinner“, dachte Woody. Trotzdem würde er ihn überprüfen“.

 

Carl Krause, noch nicht allzu lange in der Stadt, eingeheiratet, Stiefvater des „Schlangenbesitzers“, des jungen Hercel (die zweite Hauptfigur des Buches). Der seinen Stiefvater „Mr. Krause“ zu nennen hat und erlebt, wie jener Carl Krause immer weiter abdriftet (Shining). Warum aber beginnt jener Carl Krause mehr und mehr zu knurren?

 

Und zu all dem die gelackten Fassaden so mancher Honoratioren, der Ärzte, des Bestatters der Stadt, der „Macker“ und „Einfaltspinsel“.

„Freund oder Feind“ ist die Frage, die Woody sich immer wieder stellen muss, gerade auch, als die Ereignisse überborden, Fenster eingeworfen werden, der Mob langsam erwacht.

 

In einer Stadt, in der hinter den Fassaden „Wiccaner“ (Hexenvereinigungen) existieren, schwarze Messen abgehalten werden und von den Fahrern der Ambulanz, Jimmy und Seymour über den Bestatter des Ortes bis zur 95jöhrigen alten Dame alle nicht nur eine Seite in sich tragen.

 

Das zudem im Altersheim der Stadt zu bestimmten Zeiten eine hohe Sterblichkeit im Raume steht, dass das örtliche Krematorium gut ausgelastet ist, ein Versicherungsdetektiv seinen Skalp verliert (und sein Leben), damit  hält Dobyn das Tempo allezeit hoch, die Verwirrung lange im Raum und die Gefahr auch für Kinder groß. Dies alles im Rahmen eines weiten Blickes in die Tiefen (und Untiefen) der Bewohner, der den Leser in die Atmosphäre stetig mit hineinzieht.

 

Mit der immer wieder eingestreuten Gratwanderung hin zum Übernatürlichen, die Dobyns allerdings nie überschreitet (bis auf eine Ausnahme) erhält die Geschichte bis zum, in sich logischen und „diesseitigem“, Ende noch seine endgültige Würze.

 

Alles in allem ein temporeiches, mit Spannung versehenes Buch, in dem der Ermittler und der Leser lange im Dunklen tappt, bevor ein wenig Licht auf die mysteriösen Ereignisse fällt. Eine sehr empfehlenswerter Thriller.

 

M.Lehmann-Pape 2013