Heyne 2014
Heyne 2014

Stephen King – Mr. Mercedes

 

Kriminalroman statt Horrorthriller

 

Fast im Eiltempo für Kings Verhältnisse befördert er den Leser mitten hinein in das Chaos brechender Knochen. Und fügt in einem Aufwasch die Krise und zunehmende Armut in den USA mit ein.

 

Hunderte von Menschen, die ersten seit der Nacht bereits, stehen für einen von 1000 versprochenen Jobs an. Menschen, auf die King, wie typisch für ihn, einen kleinen Scheinwerfer richtet, zwei Personen herausgreift und mit seiner unnachahmlichen Art den Leser umgehend emotional dicht an diese 2, eigentlich 2 ½ Personen heranführt.

 

Bis der große Mercedes, der solide „Panzer“ Gas gibt. Respektive der Fahrer des Wagens und eine Schneise der Zerstörung durch die dicht gedrängt Wartenden zieht. Gut, dass „Mr. Mercedes“ gerade diesen Wagen entwendet hat mit seinem soliden Stahl und Blech, sonst wäre „sein Werk“ vielleicht nicht so eindrucksvoll gelungen.

 

Ein Fahrer, der zwar nicht „Pennywise“ heißt, der aber nicht umsonst eine Clown-Maske trägt. Denn das Lebensthema Kings, dieses ungreifbare „das Böse“, das sitzt dem Täter in der Seele. Mit verständlichen Gründen, einerseits , sieht man sich im späteren Verlauf seine Familiengeschichte an, mit aber auch diesem Unnennbaren, das King in allen seinen Romanen mitschwingen lässt, sieht man sich den Umgang des Täters mit seinem „dreifach Windel tragenden“ Bruder näher an.

 

Dies allerdings zieht sich mehr als Andeutung durch die Ereignisse des Romans, der auch im Aufbau einen eher klassischer Kriminalroman mit der „Suche nach dem unbekannten Täter“ durch einen pensionierten Polizisten darstellt.

 

Bill Hodges wird nicht in Ruhe gelassen. Obwohl er doch schon mit seinem Revolver das alte „in den Kund stecken“ Spiel spielt. Dennoch, „Mr. Mercedes“ will Kontakt. Hat doch schon einmal geklappt, mindestens eine Beteiligte am Geschehen ihren ganz eigenen „Ausweg“ finden zu lassen.

 

Doch in Bill täuscht der Täter sich. Wie in so manch anderer Hinsicht auch (betrachtet man den wunderbar zurecht gemachten Hackfleischburger, der leider vom falschen Adressaten verspeist wird (auch hier übrigens ein Hinweis auf eine der älteren Geschichten Kings, den „Falschen“ den Kuchen verspeisen zu lassen)).

 

Der alte Cop, der seit Wochen bereits eher vor sich hin vegetiert und außer an Leibesumfang an nichts weiter zunimmt, rafft sich auf und begibt sich auf Spurensuche. Dieser eine Fall, den er nicht gelöst hat vor seiner Pensionierung, da ergibt sich jetzt was, da geht noch was.

 

So hat sich „Mr. Mercedes“ das nicht vorgestellt, doch aus dem „Katz und Maus“ Spiel kommt er nun nicht mehr heraus. Wobei Bill Hodges von Beginn an im Nachteil zu sein scheint, denn der Täter ist viel, viel näher, als Hodges denkt. Und wird noch Opfer kosten, sehr schmerzliche Opfer.

 

Vom Sprachstil her, von der Neigung, den Leser emotional zu bewegen durch das Hineinnehmen in Situationen herein (der immer größer werdende Reifen des Mercedes) ist dies ein typisches King Buch, ebenso von der Breite der Darstellung und der damit einhergehenden Vertiefung in die Protagonisten herein, die King von allen Seiten her beleuchtet und, wie immer, auch „Randfiguren“ entwirft (Onkel und Tante von Holly, der Nichte der eigentlichen Mercedes-Besitzerin), in denen sich symbolisch jene egozentrischen Charaktere zeigen, welche die Welt auf keinen Fall zu einem besseren Ort machen werden.

 

Bis hin zum Finale hält King dabei die Aufmerksamkeit aufrecht. Wobei allerdings bei fortschreitender Lektüre sich mehr und mehr Längen einstellen. Der ein oder andere „Rückblick ins Leben“ mancher Beteiligter keinen sonderlichen Fortschritt mehr darstellt-

 

Vor allem aber das Finale ist eindeutig zu lang (und zu vorhersehbar) ausgefallen, als dass es durchgehend fesseln könnte.

 

 

Alles in allem dennoch eine typische, anregende, kreative und im Stil eindeutig erkennbare „King-Geschichte“, die trotz mancher Längen, trotz des „Genre-Wechsels“ und trotz der Vorhersehbarkeit gerade der Abläufe zum Ende hin die Lektüre wert ist.

 

M.Lehmann-Pape 2014