Heyne 2015
Heyne 2015

Stephen King – Revival

 

Exzellent erzählt

 

„Das ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt“.

 

Es wird nicht lange dauern, bis dass die „Furchtbare Predigt“ stattfindet.

 

In der der Pfarrer der kleinen Methodistengemeinde seinem Herzen tief Luft machen wird.

 

Und auch wenn die „Gemeinde“ durchweg schockiert ist, Jahre später wird der ein oder andere eng Beteiligte zugestehen müssen, dass Charlie Jacobs so falsch nicht gelegen hat.

 

Ob er mit allerdings seiner damals noch privaten Passion für die Elektrizität nicht doch ein ganz massives, furchtbares Stück daneben liegen wird, das wird sich allerdings erst ganz am Ende des Romans zeigen.

 

Diese „Potentia Magna Universalis“, diese geheime, alles mit Energie versorgende, alles zusammenhaltende, durch alles fließende und von allem elektrischen genährte, geheime Kraft des Universums, welcher der „Reverend“ auf den Spuren ist und mittels deren Ausläufer er nicht nur wohlhabend werden wird, sondern auch bestimmte „Dinge“ an Menschen vollzieht.

 

Aber wie alles, wo der Mensch in tiefere Kräfte eingreift, hat dies seinen Preis.

Für so ziemlich alle Beteiligten.

 

Bis aber diese Kulmination, dieser „Blick durch ein Schlüsselloch“, dieses Öffnen einer Tür, in den Raum tritt, nimmt King sich als begnadeter Geschichtenerzähler Zeit. Viel Zeit.

 

Mehr ein biographischer Roman über das Leben ist dieses neue Buch denn ein Gruselthriller alter Schule. Fast lapidar lässt King daher jene „Gefährdung“ eher hart am Rande des Blickfeldes für den Leser nur hintergründig mitlaufen („Irgendwas wird passieren! Irgendwas wird passieren! Irgendwas wird passieren. Sie kommt!“).

 

Viele der Romane Kings waren und sind Entwicklungs- und Wegromane.

Bis auf wenige Ausnahmen gehen seine Protagonisten entweder konkrete, weite Wege in dieser Welt (und anderen) auf ein Ziel zu und entfalten zugleich ihre eigenen Ausprägungen und Fähigkeiten oder entwickeln zumindest sich selbst innerlich, abgeschliffen durch das Mahlwerk der Welt („Gott hämmert seine Nägel“) und der Seele (Shining).

 

Das Jamie Morton, den der Leser im zarten Alter von 6 Jahren zu Beginn des Romans irgendwo auf dem Land kennenlernt, später einen Revolver (und auf keinen Fall eine Automatic!) in der Hand halten wird, ist dabei nur eine der Reminiszenzen an „alte Weggefährten“, die King im Buch mit aufnimmt. Nicht, um sich selbst zu zitieren, sondern um Dinge zusammenfallen zu lassen, immer wieder den Kreis zu schließen.

 

Denn er selbst war ja ebenfalls bereits nahe an „der anderen Seite“ und rückt, vom Alter her, nun wieder näher heran.

Das Kings Blick auf das, was wird, was bleibt, was kommen wird, was zu erwarten ist, wenn man durch die letzte Tür tritt, massiv zu erschrecken versteht, das kennt man nicht anders von ihm und das wird auch in diesem Buch im Finale den Leser verstört zurücklassen. Wenn da nicht diese „kleine Pflanze“ Hoffnung bleiben würde.

 

Nach am Ende gut 55 Jahren Leben des Jamie Morton, Kind, Freund des Reverend, Rockmusiker (nicht in vorderster Front), Drogensüchtiger, Gestrandeter, Aufgesammelter, durch Jacobs Geheilter und doch dann Versehrter, der noch eine Rechnung zu bezahlen haben wird, die bis zum bitteren Ende für so viele führt, die im Buch ihren Platz gefunden haben.

 

Wenig andere Autoren verstehen es immer wieder, den Leser so tief mit hineinzuziehen in den Kopf ihrer Protagonisten, wie King es meisterhaft immer wieder gelingt. Ein „Miterleben“ mit Hilfe dieser einfachen, klaren, immer auf den emotionalen Punkt kommenden Sprache, mit präziser Schilderung von Ereignissen, Situationen, Emotionen, Entwicklungen. Sei es der „Kuss unter der Treppe“ mit pochendem Herzen, den jeder aus seiner eigenen Jugend kennt bis hin zum fast innerlich zerbersten, wenn man alte Lieben sterbend vor sich sieht.

 

Auch wenn die Geschichte selbst weit entfernt ist von der Hochspannung des früheren Werkes Kings, so lohnt die Lektüre überaus. Was den Stil angeht, aber auch, was immer wieder tiefe Blicke in die Haltung und das innere Empfinden der Personen angeht, in denen sich Kings Lebenserfahrung und seine Sicht der Dinge „hüben wie drüben“ manifestiert.


M.Lehmann-Pape 2015