Droemer 2012
Droemer 2012

Steve Hamilton – Der Mann aus dem Safe

 

Hervorragend erzählte Geschichte

 

„„Genug herumgespielt“, sagte der Schlossexperte mit einem höhnischem Grinsen. „Merk Dir das fürs nächste Mal, wenn du mal wieder das Maul aufreißt““.

 

Tatsächlich, das neue Schloss an der Hintertür des Hauses von Mr. Marsh ist das erste Schloss, das Michael nicht auf Anhieb öffnen kann. Baer Michael ist lernfähig. Und einfach so hoch talentiert, was das Öffnen von allem angeht, das eigentlich als fest und sicher verschlossen gilt. Und noch eins gilt. Michael kann Herausforderungen und Provokationen nicht widerstehen. Ehrensache, dass er später in der Nacht auch dieses Schloss noch öffnen wird.

 

Jener Michael, der eine ganz spezielle Geschichte hinter sich hat, ein zutiefst traumatisches Erlebnis. Seitdem, als er 8 Jahre alt war, hat er kein Wort mehr gesprochen. Die zweite Besonderheit des Mannes. Und die Dritte folgt nach einiger Zeit. Ein begnadeter Zeichner, auch das ist ein schlummerndes Talent schon im jungen Michael.

 

Ein Mann, dem der Leser auf drei Zeitebenen begegnen wird. Zum eine jene, in der er 17jährig seine Fertigkeiten schult, die Liebe entdeckt und seinen Werdegang nimmt, der schon früh in eine durchaus kriminelle Zukunft weisen wird. Zum zweiten jene, die den ausgewachsenen Mann „bei der Arbeit“ begleitet, Spannung in den Raum zu setzen versteht und so manche Safes unter seine Hände führen wird, die ihm allesamt nicht widerstehen werden. Und zum Dritten weiß er Leser von Beginn an, dass in der Gegenwart jener Michael seit einigen Jahren tatsächlich sicher hinter „Schloss und Riegel“ sitzt. Denn durchaus das ein oder andere Mal wird Michael erwischt werden. Nicht aus seinem Verschulden heraus, aber dennoch. Eine vierte Ebene wird übrigens später im Buch noch eine Rolle spielen, denn irgendwann wird Steve Hamilton durchaus auch jene Geschichte vom kleinen Jungen erzählen, der sich vor der Mordlust seines eigenen Vaters in einem Safe versteckt und von diesem im Safe ins Wasser geworfen werden wird. Oder wurde, je nachdem, wie man die Zeitebenen im Buch ordnet.

 

All dies aber sind aber nur die äußeren Rahmungen der Geschichte, die Hamilton seinen Michael aus der Ich-Perspektive wunderbar flüssig erzählen lässt. Und den Leser tief mit hinein nimmt in das Erleben und die innere Entwicklung dieses besonderen Jungen, Heranwachsenden und Mannes.

Es ist einfach eine sehr gute Geschichte, die Hamilton hier zu Papier bringt, erzählt in einem teils lakonischem Umgangston, der sich bestens liest, ohne je in Slang oder zu legere Wendungen abzufallen.

 

Talente, Entwicklungen, Liebe, ein krimineller, mysteriöser Mentor (der „Geist“), eine Passion für das Öffnen von Schlössern, eine Kunst, die heranwächst und ein Trauma, das jederzeit im Raume steht, gewürzt mit durchaus spannenden Momenten und einer sympathisch angelegten Hauptfigur, die durchaus ihre Schattenseiten hat.

 

Alles in allem legt Steve Hamilton einen bestens zu lesenden „Erlebnisbericht“ vor, der sich von der Masse an Kriminalromanen und Thrillern durchaus nach oben hin abhebt.

 

M.Lehmann-Pape 2012