Klett-Cotta 2012
Klett-Cotta 2012

Susanne Staun – Totenzimmer

 

Serienmorde und Lepra in Dänemark?

 

„Dann herrschen hier wohl endlich auch amerikanische Verhältnisse“.

 

Der dies sagt ist ein Ermittlungsbeamter der dänischen Polizei, der es wohl kaum erwarten kann, all die schönen Serien und Filme über Serienmörder „nachzuspielen“ in seinem ansonsten ruhigen, ländlichen Dänemark. Und damit geht er der Rechtsmedizinerin Maria Krause gehörig auf die Nerven. Was aber nicht helfen wird, denn der Beamte hat Recht mit seiner Vermutung. Und das nicht erst seit dem Fund der neuesten Leiche, eines 18jährigen Mädchens.

 

Was allerdings Maria Krause nicht sofort erkennt, denn noch ist sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Mit ihren „leichten“ Aussetzern. Mit der Schuld, die sie seit einer Abtreibung und der sich daraufhin einstellenden eigenen Unfruchtbarkeit innerlich schultern muss. Mit ihren doch außergewöhnlichen Haltungen zur Sexualität, die zu gefährlichen Spielen im Park führen. Verschwimmen da Realität und Fantasie mehr und mehr? Ganz abgesehen von ihrem grenzenlos zudringlichen Chef. Über sich selbst erschrocken merkt sie, dass ein Teil von ihr sich dem gar nicht entziehen will, sondern die direkten Zugriffe zunächst sogar noch genießt. Und zudem noch plötzlich mit einem Rufmord ans ich konfrontiert, der es in sich hat.

 

Oder gelingt es ihr, den Faden der Realität an ihrem Fall festzuhalten? Wo plötzlich Spuren eines Lepra Medikaments an der Toten auftauchen (und an weiteren Toten). Und Maria Krause feststellen muss, dass die Tote der Gegenwart weit in die Vergangenheit des Mörders weist und ebenso auf die weiter folgenden Morde Hinweise geben wird. Ein Mörder, der geübt ist darin, „Treibjagden“ abzuhalten. Der mordet, „weil ich so etwas einfach tue“.

 

Susan Staun entführt den Leser geschickt und sehr spannend in diesen Fall irgendwo in der dänischen Provinz bei Odense. Auch wenn sie dem Leser einen gewissen Vorsprung vor den Ermittlungen der Rechtsmedizinerin durch die Tagebuchaufzeichnungen des Mörders gibt, die eigentliche Auflösung und Enttarnung des Schuldigen wird doch deutlich Überraschungen bergen.

 

Ebenso interessant aber ist auch die von Staun ins Rennen gesendete Maria Krause. Voller Widersprüche, in sich, voller gefährlicher Neigungen, durchaus hier und da in Gefahr, in die eigenen, inneren Abgründe zu fallen. Eine hohe Fachkompetenz paart sich in der Frau mit inneren Rissen, die nicht immer ganz zusammengehalten werden können.

 

Die klare Sprache, das hohe Tempo (ohne zu versäumen, dem Leser die wichtigen Hintergründe der handelnden Personen zu beschreiben) und, ohne mit der Wimper zu zucken, die durchaus am gegebenen Ort dargestellte direkte und blutige Gewalt wissend durchaus zu fesseln.

Ganz nebenbei streift Staun noch sexuelle Präferenzen, die in den wenigen, aber präzise vom inneren Erleben und dem äußeren Ereignis her geschilderten Situationen, die nicht alltäglich, hier im Zusammenhang aber dennoch verstehbar zumindest vorliegen.

 

Alles in allem ein spannender, klar und direkt geschriebener Thriller mit einer schillernden und differenzierten Hauptperson, die sich gängigen Schemata durchaus entzieht.

 

M.Lehmann-Pape 2012