Ullstein 2014
Ullstein 2014

Tania Carver – Jäger

 

Viele Perspektiven

 

Am Ende zu viele kleinere und größere Handlungsstränge winden sich um den eigentlichen roten Faden dieses Thrillers. Zu viele Personen, die jeweils „ihr Eigenes“ zu tragen haben (vom Alkohol zu innerdienstlichem Begehren zu außerordentlich „anderen“ sexuellen Vorlieben oder zu „Leichenhaut“) treffen in dieser Geschichte aufeinander und lassen dabei das Tempo immer wieder absinken, lassen kurz ihre innere Befindlichkeit aufblinken (ohne dass dieser in so manchen Fällen dann vertiefend nachgegangen wird), bis dahin, dass Marina Esposito ihre eigene Kindheits- und Familiengeschichte noch einmal zu aktualisieren hat.

 

So braucht es allein schon eine Weile, bis der Leser all die Ermittler und ihre Position zum „Fall“ einordnen kann. Wenn dann auch noch eine Mutter am Krankenbett des verunfallten Sohnes (sicher nur in kurzer Sequenz, dennoch ohne großen Bezug zum Rest des Buches) mal all das sagen möchte, was bisher ungesagt geblieben war, dann ist das an manchen Stellen des Thrillers einfach zu viel an „Ballast“.

 

Ein Familiendrama in der Vergangenheit, ein blutiger Mord im Haus, ein Schuldiger, der rasch ausgemacht war. Einer, mit dem Marina Esposito damals, als junge Psychologin Kontakt hatte, einer, von dessen Schuld sie nie so recht überzeugt war.

 

Ein Fall, der sie nun in der Gegenwart einholt. Das Ferienhaus brennt. Ein Toter in ihrer Familie, ihr Mann schwer verbrannt und im Koma, ihre kleine Tochter verschwunden  und ein ominöser Anruf, der ihr eine schwierige Aufgabe übermittelt, sollte sie ihre Tochter noch einmal wiedersehen wollen.

 

Und auf der anderen Seite skrupellose Kräfte, die genau diese Tätigkeit Marinas um jeden Preis unterbinden wollen. Mit Grund, denn da sind ganze Lebensentwürfe auf Verbrechen aufgebaut und es gibt Menschen, die darüber Bescheid wissen.

 

So beginnt die Jagd zur Rettung des Kindes auf vielen Ebenen, mit so manchen Ermittlungssträngen und einer Mutter, die auf eigene Faust dann ihren Weg geht und sich späterhin einen Verbündeten sucht, den sie eigentlich nie wieder sehen würde.

 

Ebenso gejagt und bedroht von einem Wesen mit leichenfahler Haut, das Worte wie „Gnade“ oder „Mitgefühl“ aus dem eigenen Leben schon lange gestrichen hat.

 

Manch spannende Wendung wartet da in aller Vielfalt der Personen, die durchaus anregend gestaltet wird, eine Überraschung zum Schluss führt all die vielen Einzelteile des alten Falles und der neuen Ermittlungen zusammen, so dass ein logisches Ganzes im Rückblick schon entsteht. Was nicht unbedingt zum Äußersten fesselt und im „Showdown“ auch ein wenig hektisch und in der sprachlichen Beschreibung nicht umfassend mitreißend (ebenfalls an zu vielen Orten zugleich) vorliegt, das aber dennoch im Gesamten für eine solide Unterhaltung sorgt.

 

 

Alles in allem ein intelligent konstruierter Fall, der in zu vielen Einzelteile sich aufteilt und den Leser manches Mal zu wenig emotional einbindet, um vollends zu überzeugen.

 

M.Lehmann-Pape 2014