Fischer 2010
Fischer 2010

 

Tana French – Sterbenskalt

 

Alte Wunden und ein neuer Mord

 

In der Gestaltung ihrer Titel ist Tana French tatsächlich äußerst kurz angebunden (Totengleich, Grabesgrün, Sterbenskalt), was aber keinerlei Rückschlüsse auf die Art ihres Schreibens und die Komplexität ihrer Geschichten zulassen sollte. Denn in der bildreichen, mit Tempo versehen und flüssigen Sprache, wie auch in der Komplexität ihrer Geschichten und der differenzierten Zeichnung ihrer handelnden Figuren ist sie nicht nur äußerst beredt und wortgewandt, sondern auch mit einer klugen Finesse versehen, die das Lesen ihrer Bücher zu einem sprachlichen und gedanklichen Vergnügen gestalten.

 

Auch ihr neustes Werk macht da keine Ausnahme, im Gegenteil. Durch die präzise formulierten und die Atmosphären der Gegenwart und der 80er Jahre aufnehmenden Verflechtungen zweier Zeitstränge im Buch entsteht ein dichtes Bild der Geschichte, vermittels der lebhaften Sprache gelingt es French, den Leser quasi mit hinein zu nehmen in die gegenwärtige und vergangene Welt ihrer Personen, allen voran der lakonisch wirkende, trocken handelnde, mit vielen Wassern bereits gewaschene und dennoch im Inneren verletzte und sensible Protagonist Frank Mackey, aus dessen Perspektive Tana French ihren Roman in Ich-Form sich entfalten lässt.

 

Polizist, Dubliner, im Undercover Geschäft tätig hat er sich gute Nerven und kompromissloses Handeln angewöhnt und zu einem Teil seiner Persönlichkeit entfaltet. Doch auch ein harter Polizist hat seine wunden und weichen Stellen. Weich da, wo es ums eine Tochter geht, wund dort, wo er in seiner Vergangenheit eine bodenlose Enttäuschung verdauen musste. Ein Geschehen, dass ihn von seiner Familie fortgetrieben hat, das ihn ganz eigene Wege hat einschlagen lassen.

 

Enttäuschte Liebe, das ist, was damals seinen Weg ausgerichtet hat. Eine enttäuschte Liebe, die ihn nun wieder einholt und ihn, ungewollt, lebendig geschildert und mit weitreichenden Folgen, wieder in die Vergangenheit eintauchen lässt. Doch waren die Umstände damals wirklich so, wie er vorschnell annahm?

 

Nun, jetzt erhält er die Gelegenheit, dem nachzugehen. Seine damalige Jugendliebe Rosie, von der er sich schmählich versetzt glaubte. Unverhofft erhält er eine Nachricht von der einzigen Person seiner Familie, mit der er nach Kontakt hält. Ein Koffer wurde gefunden, der mit hoher Wahrscheinlichkeit jener Rosie gehörte. Frank macht sich auf den Weg und findet nicht nur die Leiche seiner Jugendliebe, sondern stellt sich ebenso seiner Familie, seiner Flucht aus seinem damaligen Leben, den eigentlichen Geschehnissen jener Nacht vor 22 Jahren und, vor allem natürlich, der Aufklärung des Todes von Rosie.

 

Intensiv lässt Tana French den Leser diese Ermittlungen und die Reise in die Vergangenheit begleiten, quasi mitfiebernd erleben. Wie es ihr gelingt, die Trostlosigkeit der Familie damals in den 80ern wie in der Gegenwart plastisch aus den Seiten zu schälen, wie sie den Verästelungen in der Peron ihrer Hauptfigur Franck nachgeht und Seite für Seite zudem die Auflösung des Mordes in ebenso düsteren Farben schildert, wie das Motiv des Mordes ein tief düsteres war, das hat Klasse. Die bedrängte und bedrängende Atmosphäre in der Familie, die hoffnungslosen Strassen, versehen mit verfallenden Gebäuden, all dies korrespondiert in bester Weise mit der inneren Enge und der Verfallenheit so mancher der auftretenden und späterhin durchaus auch verdächtigen Personen. So wird aus sich selbst heraus völlig verständlich und logisch, dass Frank Mackey am Ende des Tages in aller Klarheit nun weiß, dass dies keine Welt für ihn war und sein wird.

 

Im Genre des Thrillers und Kriminalromans bildet das Buch einen großen Wurf und ein hochwertiges Leseerlebnis.

 

M.Lehmann-Pape 2011

Tana French
Tana French

 

Tana French

 

wurde in den USA geboren, wuchs in Irland, Italien und Malawi
auf und lebt in Dublin. Tana French machte eine Schauspielausbildung am Trinity College und arbeitet für Theater, Film und Fernsehen. Asugezeichnet wurde sie als Autorin  mit dem Edgar Allan Poe Award für das beste Debüt.

 

(Quelle: Fischer Verlag Frankfurt)