Piper 2012
Piper 2012

Thomas Raab – Der Metzger bricht das Eis

 

Familiendrama vor Bergkulisse

 

Eigentlich hätte Willibald Adrian Metzger, Restaurator, übergewichtig, im siebten Himmel der Liebe angelangt, es sich leicht machen können. Mit Lilli, der neugeborenen Tochter seines leider toten Freundes. Mit Danjela, seiner ständig radebrechenden großen Liebe („Hast Du gut eingepackt in Overall, Schlafsack und Decke, weil kommt heute nix raus die Sonne?“).

 

Eigentlich.

 

Doch, wie der Metzger so ist, wenn ihn was interessiert, dann kann er nicht wirklich locker lassen, dann arbeitet er sich stetig hinein.

 

Auf seinem Spaziergang im Park rettet ein Obdachloser ein Kind vor dem Ersticken an einer Nuss. Metzger tritt neugierig in Kontakt, erhält aber nur unverständliche Sätze zur Antwort. Nur eines ist ihm klar, der Mann ist kein normaler, alkoholgeschwängerter Penner. Als er späterhin noch einmal der Sache nachgehen will, findet er den Mann nicht mehr. Allerdings findet ihn die Polizei. Erfroren und tot. In den wenigen Habseligkeiten des Mannes tauchen Verbindungen zu einem Gasthaus in einem bekannten Skigebiet auf und so nimmt die Geschichte ihren Gang. Vor allem, als die Mutter des eben geretteten Mädchens sich zudem vom Dach des Krankenhauses in den Tod stürzt. Für Metzger ist klar, dass hier so einiges nicht stimmt.

 

Danjela, die sich den Arm gebrochen hat und daher freie Zeit besitzt, Sophie, die schöne Halbschwester Metzgers, die sich umgehend anschließt und der skiunkundige Metzger selbst machen sich auf in die Idylle der Berge und treffen auf eine Familiengeschichte, die es langsam zu entwirren gilt, bevor deutlich wird, wie all die Dinge zusammenhängen.

 

Zugleich besitzt der Leser einen, wenn auch nur kleinen, Vorsprung vor der „Bagage“. Gedankenfetzen des Mörders tauchen hier und da im Buch auf. Einen Plan scheint dieser durchaus zu haben. Und ein Auge auf Metzger, denn auch der Mörder ist vor Ort am Berg.

 

So ganz nebenbei legt Thomas Raab auch falsche Spuren, verweist kritisch auf allgemeine Themen wie die Wintersportindustrie und das Leben inmitten dieser, entfaltet überzeugende Charaktere und verfolgt hinter all dem weiterhin seinen roten Faden genauso geduldig und stetig, wie er seine gewichtige Hauptfigur agieren lässt. Zudem folgt er im Stil weiter seinem Markenzeichen, intensives Lokalkolorit mit einfließen zu lassen. Teilweise „atmet“ das Buch fast „österreichisch“. Manches Mal wirkt dies allerdings auch ein stückweit überzogen. Gerade die „Wuchtbrumme“ Danjela, zuständig im positiven für die vielen humorigen Anteile des Romans, kann mit ihrer ständig verquasten und radebrechenden Sprache mithin auch einen gewissen nervenden Störfaktor der Lektüre darstellen. Hier wäre weniger an „Zungenschlag“ auf Dauer wirklich mehr gewesen.

 

Insgesamt aber ein intelligenter, mit Humor gewürzter Kriminalroman, der an den entscheidenden Stellen nicht droht, ins Lächerliche zu verfallen, sondern durchaus auch Gefahr und Spannung zu erzeugen versteht. Mit einer gründlich entwickelten Geschichte samt detaillierte herausgearbeitetem Hintergrund und so manchen überraschenden Wendungen, welche die Spannung jederzeit hoch zu halten verstehen. Leichte Schwächen im übertriebenen Lokalkolorit und hier und da lose bleibende Fäden bei Nebenpersonen sind da verzeihlich.

 

 

M.Lehmann-Pape 2012