Droemer 2015
Droemer 2015

Thomas Raab – Still

 

Meisterlich

 

Nicht nur die Geschichte selbst ist außergewöhnlich mit ihrer ganz besonderen Hauptperson und ihrer bis zum Ende stringenten, dichten und in sich geschlossenen Entwicklung, auch der Stil Raabs macht die Lektüre diesen Buches zu einem ganz besonderen, atmosphärisch dichtem und emotional intensiven Erlebnis.

 

Die Geburt des Karl Heidemann, der erste Atemzug und dann dieses ununterbrochene Schreien, dieses „Leiden am Lärm der Welt“, die verzweifelt um ein Zeichen der Liebe von ihrem Kind ringende Mutter (und die dramatischen Folgen dieses Ringens), der ruhige und arbeitsame Vater, einziger Hort der Beruhigung und dann in den weiteren Jahren diese ganz eigene, sich entfaltende Denkweise des Jungen, was den Tod angeht und was seine Lebensaufgabe angeht, das geht unter die Haut.

 

Auch weil Raab umschwirrt, teilweise sehr assoziativ nur formuliert und dennoch immer und jederzeit präzise den Punkt trifft. Wie die Menschen so sind, im Inneren. Wie das gelackte „Paradies“ nach außen nur die innere Hölle teilweise verdeckt. Wie sich abgewendet, gelästert, wie lieblos miteinander umgegangen und voneinander gedacht wird.

 

Wie wenig die wenigen, festen Persönlichkeiten letztendlich zu halten vermögen.

 

„Und während die Jettenbrunner in ihren Stuben saßen….sich vom Tag erzählten, einander liebten oder das Verderben wünschten, schlich Karl Heidmann vorsichtig um ihre Häuser.“

 

Dieser Junge mit dem unglaublich guten weitreichenden Gehör, Der nicht redet. Der schweigend beobachtet und auf den Grund der Seele scheinbar zu schauen vermag. Der das Böse tilgen und das Gute zum letzten Frieden bringen möchte, der wie ein Künstler malt, seine Portraits treffen den Punkt und doch wird zum Schluss noch auf der Zeichnung radiert werden müssen, damit alles seine wirkliche Richtigkeit hat.

 

Einer, der auf dem Weg seine vermeintliche Liebe finden wird und dafür auf einem Maisfeld eine ganz besondere Anordnung schaffen wird. Einer, der aufgenommen werden wird und seinen innigsten Dank dafür mit einem ganz besonderen Osterfeuer zeigen wird.

 

Ein in sich unglaublich geschlossenes Denken, das den Leser im normalen Alltag kaum fassbar erscheint und doch, folgt man Raab in seiner Sicht der „inneren Welt“, in seinem wortdichten Blick auf die Menschen, auf die Belanglosigkeiten, die Teilnahmslosigkeit und einfach das Gierige und Böse, einem am Ende der Lektüre (das emotional noch einmal tief berührt) diesem Karl einfach fast Recht geben will.

 

Wie es Raab in der „Gegenperson“ auch abbildet. In diesem rationalen, trockenen, so vernünftigen Kommissar Horst Schubert, der Karl zu Zeiten jagte und ihm einmal tief in die Augen schauen konnte…und seitdem keine wirkliche innere Ruhe mehr findet, vor allem, als er sich selbst in seinem Glück tief bedroht erlebt, vor allem, als er widerstrebend anerkennen muss, dass Karl hier und da sehr, sehr richtig liegt mit seinem Urteil über manche.

 

„Balg kannte Karl die Abgründe seiner Mitmenschen, wusste von gespielter Freundlich- und gelebter Herzlosigkeit, wusste von öffentlichen Heiligen und privaten Tyrannen, wusste von offenbarter Gleichgültigkeit und heimlicher Liebe“.

 

„Studien, vorerst nur Studien. Karl hatte keine Eile“.

 

Denn Karl ist gründlich. Und wird später gar einen Ort finden, in dem sein Talent des „Freigebens“ Barmherzigkeit in sich tragen wird. So, wie er es eigentlich immer gemeint hatte. Nur die anderen haben ihn da ständig falsch verstanden.

 

Und wie Raab hier, ganz nebenbei fast,  den Leser anhand eines sterbenden Pferdes (und was der Mensch dort tut) um Vergleich zu einem Hospiz (und was dort nicht getan werden darf) zu einem drängenden Thema der Gegenwart führt (gnadenloses Tierleben und gnadenvoller Tod, gnadenvolles Menschenleben und gnadenloser Tod), das hat sprachlich einfach Klasse und inhaltlich Gewicht.

 

Bis sich alles im Buch runden wird, der Kreis sich schließt und die eigentliche Aufgabe Karls, „Hol Dir Dein Mädchen“ sich in ihrer echten Bedeutung erst zeigen wird.

 

Weniger ein Thriller, weniger auf Spannung hin vorgelegt, viel mehr eine literarische Reise „durch den Menschen“, ein Sinnieren über Leben und Tod und ein tiefes und dichtes Portrait eines ganz besonderen Menschen und Lebensweges.

 

Eine überaus empfehlenswerte Lektüre.


M.Lehmann-Pape 2015