C.Bertelsmann 2011
C.Bertelsmann 2011

Tobias Hill – Vergraben

 

Sparta. Gestern und Heute

 

Langsam geht Hill seine Geschichte an. Ein Thriller? Das erschließt sich dem Leser, wenn überhaupt, dann ebenso langsam, eigentlich erst zum Ende des Buches hin. Ein Buch aber, in dessen literarischer Qualität eine seltene Intensität erschaffen wird, eine Verbindung zwischen zunächst ganz unverbunden wirkenden Dingen, eher eine Ahnung dessen, was im Inneren, in der Tiefe wie ein Vulkan brodelt. Gewalt und Terror, aber, wie gesagt, über lange Zeit des Buches hinweg in sehr feiner, filigraner Form, wie um das Ende der Geschichte intensiv in alle denkbaren Richtungen im Leser hin anzulegen.

 

Benjamin ist geflohen. Vor sich selbst. Vor seiner gescheiterten Ehe, vor der nun verleideten „inneren Heimat“ Oxford, die doch seiner und seiner Frau Emines Heimat war. Doch diese hat ihn verlassen. Aus Gründen, die sich Benjamin vielleicht selber noch nicht wirklich eingestehen kann, die aber mit Macht noch hervorbrechen werden in der Geschichte. Verbunden beide durch das gemeinsame Kind, aber auf einer tieferen Ebene zerstört als Paar. „Wenn ich Doch noch lieben könnte, würde ich es tun. Es wäre besser für alle“, schreibt ihm seine Frau hinterher.

 

Denn Ben ist in Griechenland, in einem eher gottverlassenen Winkel und arbeitet als Aushilfe in einem Restaurant. Und wendet sich seiner Doktorarbeit zu, die er plant. „Sparta“ ist sein Thema und diese Doktorarbeit bildet den zweiten Strang der Geschichte, wird im Buch immer wieder angeführt und öffnet , dem Leser zumindest, so ganz langsam die Augen, wohin es gehen könnte. Terror war die Methode Spartas, zu herrschen. Herrschen im Sinne und mit grausamen Göttern. 9500 Hospliten hielten zu Hochzeiten der Macht Spartas 180.000 Heloten („Kriegsgefangene“) in Schach, um das spartanische Reich im Alltag funktionieren zu lassen. Wie gelang dies? Welche Angst erzeugten jene knapp 10.000 „echten“ Spartaner, denen außer der Kunst des Krieges jede andere Tätigkeit verloren war? Und warum verschwand Sparta so schnell, so sang- und klanglos aus der Weltgeschichte? Ein Volk, das äußerst verschwiegen war und kaum Spuren hinterlassen hatte.

 

Die inneren Beweggründe, die innere Haltung Spartas, sie findet sich wieder. Unter den bunt zusammen gewürfelten Mitarbeitern des Restaurants, unter denen es brodelt, vor allem dem Juniorchef gegenüber. Gewalt liegt in der Luft, im Inneren der Personen. Unglaublich geschickt bricht Hill genau am Kulminationspunkt der Gewalt, dort, wo „das Blut wahrhaftig aus der Suppe steigt“, den Erzählfaden zunächst ab. Ben hat die Möglichkeit, als ausgebildeter Archäologe an einer Grabung in Sparta teilzunehmen.

 

Jener Ben, der ebenfalls, immer intensiv, nie ausbrechend, angedeutet, einen unglaublichen Zorn in sich trägt. Ursache für seine privaten Schwierigkeiten oder Folgen der Trennung? Irgendetwas muss passiert sein, an irgendjemanden, Frau oder Kind, muss er Hand gelegt haben, so deutete es sich an, ohne ans Tageslicht zu treten. Später. Vielleicht aber ist Ben diese, seine eigene innere Seite, genauso unzugänglich wie die anderer Menschen? Wie er es hasst, zum Stillstand zu kommen, da könnten ja Gedanken aufsteigen. Immer in Bewegung, fort, nur fort, von sich vor allem.

 

Und kommt vom Regen in die Traufe. Denn auch die Gruppe am Grabungsort hat ein inneres Brodeln, Heimlichkeiten, auch hier brodelt der Terror, liegt Gewalt nur eine Handbreit unter der Oberfläche. Und das nicht einfach so, da gibt es durchaus einen Plan, dessen Aufdeckung dem sich Ben fast unfreiwillig nähert. Bis alles in einem grandiosen Finale eher implodiert denn explodiert.

 

Tobais Hill hat eher einen Roman, vielleicht eine Art literarischen Thriller entworfen, der vor allem auf den Tiefenebenen seine gestalterische Kraft entfaltet. Wie sein Hauptthema „Archäologie“ muss das Wesen der Dinge ausgegraben werden. Ein gefährliches Unterfangen, das Graben, wie es gerade der neue Lebensgefährte von Bens ehemaliger Frau, ein Professor der Archäologie, nie müde wird, zu betonen. Und so gräbt Hill. Im Boden, einerseits, vor allem aber in den Figuren, fast beiläufig, ohne großes, tiefenpsychologisches Aufheben zu machen.

 

Für Freunde oberflächlicher Aktion und ständig vordergründiger Bedrohung ist hier lange Zeit wenig zu finden (aber auch das wird vorkommen, später). Ein Roman mit wenig Sympathieträgern, weder mit Ben noch mit anderen Figuren des Romans kann der Leser sich wirklich identifizieren, im Bannkreis des Terrors gibt es keine „guten Helden“, es gibt nur Menschen, die auf unterschiedliche Weise ihre Ziele verfolgen und die inneren Dämonen versuchen, in Schach zu halten (oder gerade diese bei anderen heraus zu provozieren).

 

Der Roman entfaltet eine lang anhaltende Sogwirkung, wenn man sich bereit erklärt, mit Hill in der Tiefe zu graben und die spürbare Intensität der Figuren zu entdecken. Mit langer Vorbereitung und gründlicher Darstellung bereitet Hill hierbei die Thrillerelemente und das erschreckende Ende des Buches vor. Eine, auch sprachlich, hervorragend gewählter Form, um das Buch mit langen Nachwirkungen zu versehen.

 

M.Lehmann-Pape 2011