Heyne 2011
Heyne 2011

Tom Clancy – Dead or alive

 

Jack Ryan und Sohn

 

Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist Jack Ryan nicht mehr. Was als Spitze der Karriereleiter der Laufbahn des CIA Mannes Jack Ryan in den letzten Bänden um den Helden Tom Clancys hätte gelten können, findet nun dennoch seine Fortsetzung. Denn einen wohlverdienten Ruhestand, den kann sich Jack Ryan nicht erlauben, zu lasch geht sein Nachfolger mit der weltweiten Bedrohung durch den Terrorismus um. Eine Bedrohung, die nicht wirklich zu fassen ist mit den herkömmlichen Mitteln, wie die Eröffnungssequenz des Buches in Afghanistan eindringlich aufzeigt.

 

Ein Terrorismus, der aufgerüstet hat und mit ebensolchen technischen Mitteln angreift, wie sie den Verteidigern der freien Welt zur Verfügung stehen. Besonders das Internet wird mehr und mehr ein Instrument terroristischer Handlungen. In Anlehnung an alte Kopfgeldplakate aus der Zeit des Wilden Westens nimmt gräbt Jack Ryan aus gegebenem Grund noch einmal das Kriegsbeil aus. Vor allem, da er diesmal persönlich involviert sein wird, denn sein Sohn, Jack Ryan jr., tritt sein Erbe an. Als Mitglied einer geheimen Einheit setzt sich der Junior auf die Spur eines eiskalten, islamischen Terroristen, der einen verheerenden Anschlag auf die freie Welt plant, gegen den der 11. September nur ein Vorgeschmack gewesen wäre. Die Sicherheit der freien Welt und der freien Wirtschaft stehen auf dem Spiel. Gemeinsam mit alten Gefährten seines Vaters wird Jack Ryan jr. Nicht ruhen, bevor der Kopf dieser Terrorgruppe tot oder lebendig zur Strecke gebracht wurde.

 

Aber auch Jack Ryan Senior wird noch einmal eingreifen. Ein Schlüsselerlebnis mit dem neuen, liberalen Präsidenten bringt ihn dazu, den Gang ins Oval Office noch einmal anzugehen. Denn, wenn alle Stricke reißen und die Mächtigen des Landes zu schwach sind, das Ruder hart am Wind zu halten, wer sonst außer Jack Ryan wäre dann noch in der Lage, die große Nation der freien Welt wieder auf den Kurs der Stärke zu bringen?

 

So beginnt eine atemberaubende Hatz durch die Kontinenten und den Morast des Terrorismus, wie immer mit einem fundierten Wissen über technische Neuheiten und die Arbeit der Geheimdienste und ihrer Gegner versehen. Dieses fundierte Wissen und die fließende Darstellung desselben, ohne den eigentlichen Ablauf der Geschichte zu stören, ist eine der großen Stärken Clancys, die auch diesen Roman wieder einmal hart an die Grenze zur tatsächlichen Realität bringen. Genauso könnte es sein und ablaufen, so akribisch und auf der Höhe der Zeit beschreibt Clancy die Mittel und Methoden, die Motive und Hintergründe aller beteiligter Parteien.

 

Entstanden ist so einerseits sicherlich ein Höhepunkt der Jack Ryan Reihe des Autors und ein ungemein spannender Polit-Thriller mit vielen Anknüpfungspunkten aus dem Jack Ryan Kosmos, der vor Zeiten mit „Jagd auf roter Oktober“ seinen Anfang nahm.

 

Andererseits, auch das muss gesagt werden, befördert Tom Clancy bei aller Akribie, was den technischen Bereich seines Buches angeht, wie immer das alte und reine, fast stereotyp zu nennende „Gut-Böse“ Schema aus erzkonservativer, amerikanischer Sicht. Alle Helden des Romans sind natürlich reinweg „gut“, konservativ, stark, nicht liberal verweichlicht und auch in sich nicht gebrochen. Alle Schurken sind natürlich reinweg eine Bedrohung und fristen allesamt ihr Leben als fanatische Moslems mit dunklem Teint und schmierigen Umgangsformen. Politische Differenzierung ist, wie immer, nicht zu finden. Ein starkes, wertkonservatives Amerika braucht diese Welt, um ihr fragiles Gleichgewicht zu halten, ansonsten wird das Chaos unweigerlich ausbrechen. Und die Jack Ryans dieser Welt sind die Garanten für das Wiederfinden alter Stärke des Landes. Damals gegen den Kommunismus, heute gegen den Terrorismus und den Islam im Sinne einer dogmatischen Ideologie.

 

Wer über dieses äußerst einfache, brachiale Weltbild hinweg zu sehen vermag, wird mit dem Buch bestens bedient und auf breiten 1040 Seiten durchweg angeregt unterhalten. Als Thriller also wohl gelungen. Im Sinne einer differenzierten Sichtweise geopolitischer Zusammenhänge wären ein wenig mehr Grauzonen statt des konsequenten schwarz-weiß Denkens wünschenswert gewesen, dies aber hat nur hintergründige Bedeutung, für die realitätsnahe und einfach spannende Umsetzung der Geschichte. Tom Clancy bezieht eine klar erkennbare Haltung, die man ja nicht unbedingt übernehmen muss, um seinen erstklassigen Thriller  zu genießen.

 

M.Lehmann-Pape 2011