Manhattan 2013
Manhattan 2013

Tom Rob Smith – Ohne jeden Zweifel

 

Manie oder Verschwörung?

 

Was macht man als Sohn, wenn die Mutter Hals über Kopf von der Auswanderung nach Schweden zurückkehrt und den Vater schwer belastet?

 

Wenn man vom Vater per Telefon hört, dass die Mutter psychiatrisch behandelt wurde und von Verschwörungswahn befallen wäre.

„Sie bildet sich Dinge ein – wirklich schlimme Dinge“.

 

Die Mutter, die doch immer bei klarem Verstand geschäftlich „die Hosen anhatte“?

 

„Aber vergiss nicht, dass man Frauen schon seit Hunderten von Jahren zum Schweigen bringt, in dem man ihnen vorwirft, sie wären nicht zurechnungsfähig“.

 

Geisteskranke Mutter oder gemeingefährlicher Vater?


Das bleibt abzuwarten, denn Daniel trifft seine Mutter, holt sie in London vom Flughafen ab und sie erzählt ihm ihre Geschichte. Die Geschichte der „Rückkehr“ nach Schweden (die Mutter ist gebürtige Schwedin). Die Geschichte vom Neuanfang mit wenig Geld, den Plänen mit dem alten Hof, den sie und ihr Mann, Daniels Vater, erworben haben.

Und die Geschichte von Hakan, dem Großgrundbesitzer, unausgesprochener Führer der dörflichen Gemeinschaft um den Hof von Daniels Eltern herum.

 

Ein Scheusal in Menschengestalt? Einer, der von Beginn an das Land einfach haben will, schon von der Vorbesitzerin erwerben wollte, die es ihm nicht gab. Einer, der von der ersten Begegnung an Daniels Mutter demütigte und Daniels Vater auf seine Seite zog, als „Kumpel“.

 

Hakan, dessen Adoptivtochter Mia, eine Schwarze, von jetzt auf gleich aus der Einöde verschwunden ist. Ein Verbrechen? Ein Mord? Begangen von Hakan? Oder einfach nur Einbildung der Mutter?

 

Es wird für Daniel (und den Leser) nicht leicht, richtig und falsch, Wahn und Realität, Wissen und Vermutungen zu unterscheiden. Lange Zeit nicht leicht, zu unterscheiden, ob Vater oder Mutter „im Recht“ sind. Und ebenso wird es schwierig sein, die Rolle von Daniels Großvater, den seine Mutter seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat, richtig einzuschätzen. Denn da scheinen Dinge in der Jugend seiner Mutter geschehen zu sein, die nicht recht zu fassen sind, die ihr aber in der Gegenwart zum Vorwurf gemacht werden können.

 

Bis sich im letzten Viertel des Buches die Fäden entwirren werden, in überraschender Weise.

 

Smith wählt einen interessanten Stil für seinen Roman. Über den größten Teil des Buches hinweg lässt er Daniel als Zuhörer seiner Mutter still sitzen und entfaltet die Geschichte als reinen Bericht der Mutter. Was ihm ganz hervorragend von der Hand geht.

Personen, Verbindungen, Beziehungen, Ereignisse, überaus spannend und emotional dicht schildert Smith die Erlebnisse der Mutter, die lange Fahrt auf dem Fluss zur „Träneninsel“, den Leuchtturm, die kraftvolle Persönlichkeit Hakans, die Lebensfreude Mias und deren ominöses Verschwinden.

 

Und lässt doch jederzeit offen, ob all das nur ein Wahngebilde ist, ob Daniels Vaters recht hat mit der großen Sorge um seine Frau.

 

Etwas Dunkles, Böses lauert hinter den Zeilen, dem sich der Leser kaum entziehen kann und der Auflösung entgegenfiebert. Die anders ist, als man denken könnte bei der Lektüre, aber dennoch nicht enttäuscht.

 

M.Lehmann-Pape 2013