Droemer 2010
Droemer 2010

Dunkle Vergangenheit

 

Der ausführliche Prolog des Buches zeigt den 12jüährigen Jo im Jahre 1996 im Urlaub in Griechenland, belastet durch seine alkoholverliebte Mutter, die ihm oft zu nahe tritt, den unsympathischen Stiefvater einerseits (Menschen, für die er sich vor den Augen der anderen Urlauber schämt) und andererseits ist er gehandicapt durch seine beiden kleinen Geschwister, auf die er beständig aufzupassen hat.

 

Dennoch lernt er andere der Urlauber kennen. Vor allem ein erwachsener, prominenter Mann wird zu einem Ratgeber im Blick auf eine erste, erwachende Verliebtheit, die allerdings frustrierend endet und in den Mord an einer Katze mündet.

 

12 Jahre später. Die junge Norwegerin Liss hat die auch mentale Enge ihrer Heimat und Familie hinter sich gelassen und taumelt innerlich wie äußerlich ungefestigt durch Amsterdam inmitten eines dekadenten und oberflächlichen Bekanntenkreises. Als Fotomodell versucht sie, ihren Weg zwischen Partys, Sex und Kokain zu finden. Dunkle Stellen bedecken Teile ihrer Kindheit, warum kann sie sich an nichts erinnern, was vor ihrem 12. Lebensjahr geschah? Nur ihre Schwester Mailin, Psychologin, verbleibt ihr als enge Vertraute und doch stehen auch bei dieser Geheimnisse im Raum. Geheimnisse, die nun drängend an die Oberfläche drängen.

Mailin ist verschwunden, kurz vor ihrer geplanten Teilnahme an einer Talk Show unterster Kategorie, in der sie den Talkmaster mit unangenehmen Tatsachen konfrontieren wollte. Hat dieser etwas mit dem Verschwinden zu tun? Welche Rolle spielt der neue Lebensgefährte Mailins? Und wer vor allem ist jener unbekannte Mann auf einem der letzten Fotos, das von Mailin kurz vor deren Verschwinden gemacht wurde?

 

Liss macht sich auf, ihre Schwester im winterlichen Norwegen zu suchen und deren Verschwinden auf die Spur zu kommen. Am Tag ihrer Abreise kommt einer ihrer Bekannten zu Tode, mit dem sie kurz zuvor zusammen war. Unfall? Zufall? Wohl kaum, denn der Mann wird nicht der letzte Tote inmitten einer Vielzahl verdächtiger Personen bleiben.

 

In der ersten Hälfte des Buches lässt sich Torkil Damhaug Zeit, ohne dass das Buch langatmig oder langweilig daher kommt. Wie im ausführlichen Prolog führt Damhaug auch im weiteren Verlauf zunächst seine Protagonisten differenziert und erlebbar ein. Weniger durch Dialoge oder ausgesprochene Gedanken, mehr durch die Handlungen der Figuren, ihre Skizzierung in ihren jeweiligen Lebensumständen, entsteht ein deutliches Bild der einzelnen Personen.

Ein Erzählstil, mit dem es Damhaug hervorragend gelingt, den handelnden Personen Geschichte und Leben einzuhauchen.

Dabei versäumt er es nicht, durch akzentuierte und gut gewählte Andeutungen auf sich langsam aufbauende Gefahren und dunkle Teile der Lebensgeschichte einzelner Beteiligter eine subtile Spannung zu erzeugen, die im zweiten Teil des Buches bis hin zum düsteren und gewalttägigen Finale sich beständig aufbaut und an Fahrt gewinnt. Ein Finale, in dem die Verbindungen zwischen Prolog, dunklen Kindheitserinnerungen der Hauptperson Liss und dem Verschwinden ihrer Schwester eine Aufklärung finden, die im Prolog sich bereits anbahnt.

 

In der Riege nordischer Thrillerautoren der letzten Jahre gelingt es Torkill Damahaug durchaus, gerade durch seine Stärke in der Charakterisierung handelnder Personen, einen eigenen Akzent zu setzten. Sicher ist dieser Thriller, wie viele andere auch, kein Buch, das man unbedingt gelesen haben muss, durchaus aber ein Werk, das solide Unterhaltung bietet und gut zu lesen ist.

 

M.Lehmann-Pape 2010