btb 2013
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Ulrich Ritzel – Trotzkis Narr

 

Verschachtelter und intelligenter Kriminalroman

 

Was haben diese beiden ominösen Männer im Opel mit Harlass zu tun, dem eine gewisse Neigung zu rechtsradikalen Vereinigungen nachgesagt wird? Der einmal einen Rabbi mit erschlagen wollte?

 

Wieso wird der sehr links stehende und doch durch und durch pflichtbewusst wirkende Staatsangestellte Marcks (nomen est omen) nach seinem freitäglichen Saunagang erschossen? Oder war Rutzkow gemeint, ein einflussreicher Russe, der zufällig als Gast mit „sauniert“?

 

Was hat das alles überhaupt mit jener Karen Andermatt zu tun, Frau eines Mannes, der gerade bei einer Agentur in Berlin große Karriere macht?

 

Diese nämlich wendet sich an den pensionierten Kriminalpolizisten und aktuellen Privatdetektiv „auf kleinem Fuß“, Hans Berndorf, weil sie sich verfolgt fühlt (was im Übrigen im Buch doch arg  konstruiert und unglaubwürdig wirkt, dass eine Frau nach einem kleiner Shopping Tour umgehend Verfolger ausgemacht haben will).

 

Erst Mal gar nichts, davon wäre auszugehen. Berndorf macht sich an die Ermittlungen, viel zu leicht scheinen die Ergebnisse schon bald festzustehen. Ergebnisse, in denen der Chef des Mannes von Karen Andermatt eine gewisse Rolle spielen wird. Was nicht ohne Folgen bleibt.

 

Wobei auch Karen Andermatt selbst verdeckte Seiten, zumindest verdeckte Handlungsweisen in sich zu tragen scheint, was dieses ganze Durcheinander von Mord, Verfolgung, involvierte Polizisten und kaum vorhersagbare Handlungsweisen für Berndorf nicht gerade einfach gestaltet.

 

Als dann noch ein merkwürdiges Dossier, ein Gutachten zu irgend etwas, das mit dem BER zu tun haben könnte, auftaucht (von Fontane Zitaten), als dann noch die wohl nächste Kandidatin für das Oberbürgermeisteramt in Berlin Karen Andermatt mit einem journalistischem Portrait ihrer selbst beauftragt, zugleich die Mordermittlungen leitet, da droht Berndorf (und mit ihm der Leser), ein roter Faden fast ganz abhanden zu kommen.

 

Allerdings, bevor völlige Verwirrung bei den vielfachen Perspektivwechseln und zunächst undurchschaubaren Motiven auftauchen, macht sich die „alte Schule“ Berndorfs und seine ganz spezielle, unscheinbare aber äußerst hartnäckige Art der Ermittlungen langsam bemerkbar. Die vielfachen Perspektivwechsel aber verbleiben auch im Folgenden im Verlauf der Handlung und es fällt nicht einfach, all den Handlungsfäden und vielfachen Personen stringent zu folgen.

 

Schritt für Schritt nimmt Berndorf die losen Fäden in die Hand und bedenkt sie wohl, bevor er sie einander zuordnen kann (wobei man manches Mal meinen könnte, der Mann wäre telepathisch begabt. Zu zielsicher ob doch mangelnder Fakten findet er  Zusammenhänge).

 

Ein Roman, der nicht von der Action lebt, der keine strahlenden Helden auf der Bildfläche erscheinen lässt, aber ein Fall, den Ulrich Ritzel ganz in der Gegenwart der „vielen Interessen“ ansiedelt. Und diese in ebenso vielfache Personen „einbaut“.

 

Von gierigen Politikern bis zu den letzten Trotzkisten in und um Berlin, von rechtsradikalen Haltungen bis hin zu Polizisten, die ein ganz eigenes Amtsverständnis wohl in sich tragen. Und das alles angesiedelt in einer deutlich wieder erkennbaren „Berliner Atmosphäre“ mit viel Ortskenntnis auch des Umlandes. Und mit vielen ganz eigen skizzierten Personen, hinter deren Fassaden durchweg Überraschungen zu erwarten sind.

 

Ein echtes Knobelspiel mit einer ganz besonderen Ermittlerfigur, die, wie in den Vorgängerbüchern, auch in diesem neuen Roman viel interessanten Lesestoff bietet, aber hier und da auch den Leser ein stückweit einfach für eine Weile auf der Strecke lässt.

 

M.Lehmann-Pape 2013